Politik : Die Kirche wird frei - endlich (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Sich entschuldigen, Fehler eingestehen, das erleben wir derzeit häufig. Doch nicht nur der Spendenskandal der CDU lässt uns die Bitte um Vergebung als etwas allzu Geläufiges erscheinen. Immerhin gehört es zur deutschen Staatsräson, sich für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu entschuldigen. Die Deutschen sind ein entschuldigungsgewohntes Volk, fast wie die Asiaten. Darum kennen wir gut die Ambivalenz dieser Geste: das Noble, das in ihr steckt, und auch das Wohlfeile. Demonstrativ die Verantwortung zu übernehmen und sich ihr zugleich entziehen, das kann nah beieinander liegen. Wie jüngst bei Kohl.

Und nun der Papst. Morgen will er Gott um Verzeihung bitten für die Sünden, die von "den Söhnen" der Kirche begangen wurden in den letzten tausend Jahren. Kreuzzüge, Zwangsmissionierung, Inquisition, Kirchenspaltungen, unterlassene Hilfeleistung beim Holocaust - das Sündenregister der Kirche ist alt und lang. Persönliche Schuld an all dem hat Johannes Paul II. natürlich nicht, auch wenn die Formel "mea culpa" lautet: meine Schuld. Warum dann diese große, späte Geste?

Dass der Papst sich entschuldigt, hat viele Gründe. Was immer man sonst über ihn denkt: Sein wichtigstes Motiv wird die Scham sein, die ein gläubiger Mensch als Teil der Kirche empfinden muss. Das zweitwichtigste ist Klugheit. Für einen Christen ist es nicht nur eine Frage der Moral, sich für eine oft sündige Institution zu entschuldigen. Es ist auch vernünftig. Wer sich nicht identifiziert, wer den Schmutz der Welt einzig als den der Anderen sieht, dessen Denken ist ohne Tiefe. Insofern steht dieses "mea culpa" des Papstes quer zum anti-institutionellen Zeitgeist.

Aber warum dann so spät? 1000 Jahre sind seit den Kreuzzügen vergangen, ebensoviele seit der ersten Kirchenspaltung, 500 Jahre seit der zweiten. Auch das Versagen der Kirche während des Dritten Reichs liegt schon wieder 50 Jahre zurück. Braucht die Kirche einen so großen Sicherheitsabstand zu ihren eigenen Sünden? Liegt es schlicht daran, dass sie in Jahrhunderten denkt? Nein, das ist es nicht. Schließlich ist man mit dem Heiligsprechen auch schon viel rascher bei der Hand als früher. Der Grund ist ein anderer: Die Kirche ist erst seit kurzem frei geworden - frei sich selbst so zu sehen, wie sie war.

All die Verbrechen, die im Namen Jesu Christi begangen wurden, waren mehr als nur Abweichungen vom Ideal, an dem man wenigstens theoretisch festhielt. Um zu begründen, warum "Wilde" mit der Lanze missioniert werden dürfen, warum Juden "Christusmörder" seien oder warum Jerusalem "befreit" werden müsse, hat man den Glauben missbraucht. Jahrhundertelang. Diese Häresie von oben endete selbst 1945 nicht. Auch die Kirche des Kalten Krieges mit ihrer Sympathie für Diktatoren - wenn sie nur anti-kommunistisch genug waren - drang nicht vor zur inneren Klarheit. Erst seit dem Fall der Mauer wird erkennbar, welche Staatsform allein zum christlichen Glauben passt: die Demokratie. Und was christliche Freiheit in die Fremdsprache des Politischen übersetzt heißt: Menschenrechte. Zunächst musste sich die westliche Welt von ihren Feinden und Obsessionen befreien, bevor die Kirche zu sich kam. Auch das ist beschämend.

Die Kirche erinnert sich nun an das, was sie schon immer hätte wissen müssen. Dass es Christus war, der die Menschen befreit und jeden Einzelnen in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott gestellt hat, auch Juden, Wilde, Ketzer, alle. 2000 Jahre, um zu erkennen, was man schon wusste. Die Kirche ist so weit. Morgen im Vatikan.

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