Politik : Die kleinen Schnüffler Von Gerd Appenzeller

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Die Rede ist von einem Gerücht, das in die politische und gesellschaftliche Landschaft passt, das sich deshalb verselbständigt hat, Reaktionen erzeugt, Empörung provoziert, Unverständnis.

Die Regierung fürchtet Krawalle rund um den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das kann sie nicht verbergen. Und keiner weiß so genau, ob der Bundesinnenminister und die Polizeibehörden vorbeugend kleine Gefahren groß reden lassen, oder ob sie wirklich Hinweise auf große Gefahren haben, von denen sie uns aber aus ermittlungstaktischen Gründen nur ein klein wenig erzählen wollen. Dann gibt es noch, neben vielen friedlichen Globalisierungsgegnern, eine Anzahl gewalttätiger Aktivisten, die sich mit nächtlichem Abfackeln von Autos warm laufen wollen für die eigentliche Randale.

Seit Montag wissen wir, dank des „Spiegel“, dass es in Deutschland, dem Land der Spezialisten, Geruchsspurenvergleichshunde gibt, die Gerüche Personen zuordnen können. Das ist zunächst einmal ein schönes Wort für eine ganz alte Geschichte. Mit Suchhunden hat die Polizei schon immer gearbeitet. Bisher ungelesen aber war der Verdacht, die Strafverfolger könnten so gewaltbereite G- 8-Gegner finden und festsetzen. Da während der Hausdurchsuchungen der vergangenen Wochen tatsächlich bei Beschuldigten Geruchsproben genommen wurden, um ihre mögliche Beteiligung an Brandanschlägen zu klären, verselbständigte sich eine Nachricht. Sie lautet: Die Polizei verfolgt G-8-Gegner mit Stasimethoden. Das Bild ist platt, drängt sich aber auf; das Bild vom Schnüffelstaat, der seinen Gegnern, tatsächlichen und vermeintlichen, mit allen Mitteln nachspioniert.

Weil es um den G-8-Gipfel in Heiligendamm geht, ist jeder friedliche Kundgebungsteilnehmer offenbar ein potenzieller Gewalttäter. In der polizeilichen Logik erscheint es naheliegend, angehende Kriminelle erkennungsdienstlich zu behandeln. Dazu gehört der typische Körpergeruch, den der Mitmensch in aller Regel nicht dauerhaft in die Nase bekommt, der Hund aber wohl schon, der fürs Schnüffeln ausgebildete besonders. Und der kann dann am Zaun in Heiligendamm aus tausend Menschen den einen herausfinden, dessen Geruch er durch irgendeinen von der gesuchten Person vorher berührten Gegenstand unbeirrbar in der Nase hat? An dieser Stelle wird die Luft aus dem jüngsten Gerücht gelassen. Eine „Quatsch-Meldung“ sei das, sagt das Bundesinnenministerium, keiner wolle das, kein Hund könne das, alle Aufregung sei somit überflüssig.

Was lernen wir daraus? Zum einen, dass das Misstrauen gegenüber staatlichem Handeln inzwischen tief sitzt. Die Welle der Erregung ist ein Indiz dafür, dass die monatelangen Debatten über neue Fahndungsmethoden und immer weiter gehende Forderungen nach Überwachung nicht mehr Sicherheit, sondern deutlich mehr Verunsicherung geschaffen haben. Dem Staat, der in Computern herumspioniert, Telefonate belauscht und Funktelefone ortet, dem traut man auch zu, dass er wie eine Diktatur mit seinen vermeintlichen Gegnern umgeht. Der Geruch ist Teil der Intimsphäre. Und dass uns jemand im wahren Wortsinn an die Wäsche geht, mögen die Menschen nicht.

Was zeigt uns die Empörung? Der spontane Zornesausbruch ist ein Signal, dass die Menschen ihre Freiheit so schätzen wie ihre Sicherheit. Ein gutes Zeichen. Es sollte alle bremsen, die meinen, mehr Sicherheit bekämen wir nur durch weniger Freiheit.

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