Politik : Die kleinen Siege der FDP (Kommentar)

Thomas Kröter

Hinter dem dramatischen Desaster der SPD am zurückliegenden Wahlsonntag droht eine kleine Sensation zu verschwinden: Nach einer schier endlosen Kette von Verlusten haben die Liberalen wieder einmal gewonnen - nicht im Osten, wo die Partei nicht einmal mehr mit sich selbst rechnet, sondern da, wo es wirklich wichtig ist: in Nordrhein-Westfalen.

Im größten Bundesland findet bei der Landtagswahl im kommenden Frühjahr der Test für die Entscheidung über die Macht im Bund statt. Beim Vortest, den Kommunalwahlen, gelang der FDP ein kleines, aber feines Plus. Für seine überregionale Bedeutung ist es unwichtig, dass der wichtigste Wahlhelfer das Landesverfassungsgericht war. Es hat die Fünf-Prozent-Klausel für die Parlamente in Kreisen, Städten und Gemeinden für verfassungswidrig erklärt. Wer Liberale wählen wollte, wurde diesmal also nicht von der Gefahr abgeschreckt, seine Stimme wegzuwerfen.

Bleibt ein Rätsel: Warum geht die FDP, warum geht ihr der Furcht vor Marktschreierei unverdächtiger Generalsekretär so verhalten mit dem Erfolg um? Am Westentaschenformat dieses Erfolgs kann es nicht liegen. Da ist man anderes gewohnt. Nein, der Erfolg ist für Westerwelle und Co. schlicht nicht der richtige - er kommt zum ungenehmen Zeitpunkt, und er dient den falschen Männern.

Der eine heißt Jürgen Möllemann, der andere Wolfgang Gerhardt. Beide stören Guido Westerwelle, Rainer Brüderle und vielleicht schon die ganze Partei: der nordrhein-westfälische Kastenteufel Möllemann, weil er schlicht unberechenbar ist und noch jeden Kurs auf Bundesebene torpediert hat; der Bundesvorsitzende aus Hessen, weil er allzu berechenbar ist und noch den schönsten und radikalsten FDP-Kurs in Langeweile zu ertränken droht.

In der zweiten Reihe der Partei hatte man sich stillschweigend darauf verständigt, den Vorsitzenden noch einige Niederlagen verantworten zu lassen und ihn dann gegen Jahresende mehr oder weniger sanft zu entsorgen. Als Nachfolger stehen bereit: Generalsekretär Guido Westerwelle und der ehemalige Mainzer Weinbauminister Rainer Brüderle.

Zwischen beiden liegen Welten. Westerwelle hat dem liberalen Macht- und Markt-Traditionsverein nicht nur ein neues Image verpasst. Er will die FDP radikalisieren. Wenn selbst Gerhard Schröder und Co., so sein Credo, Liberalismus für ihre neue Mitte klauen können, dann müssen die Liberalen sich noch purer als pur präsentieren. Anders Brüderle. Er steht für ein entschiedenes "weiter so" - die FDP als kleine Volkspartei, gegen Ladenschluss, aber mit Herz. Wenn einer allein nicht stark genug ist, den König zu stürzen, pflegen sich die Diadochen zu verbünden. Westerwelle könnte an die Spitze der Partei, Brüderle an jene der Fraktion treten. Oder umgekehrt. Das Problem ist dabei: Damit hätte Brüderle gewonnen. Heraus käme eine freundliche Kompromisslinie à la Gerhardt, nur ein bisschen volkstümlicher. Westerwelle hätte die Art von Politik gestärkt, mit der er eigentlich aufräumen wollte.

Die beiden Möchtegern-Nachfolger haben jedoch auch ein Problem gemeinsam: Wer den König meuchelt, wird normalerweise nicht sein Nachfolger. Ein selbstloser Monarchenmörder ist jedoch nicht zur Hand. Walter Döring, Regierungs-Mitglied im liberalen Stammland Baden-Württemberg, hat eigene Ambitionen. Der Mini-Erfolg in Nordrhein-Westfalen ermöglicht die Interpretation, dass die FDP selbst mit Gerhardt überleben kann.

Die Frage ist also vertagt bis zur Wahl in Schleswig-Holstein, die kurz vor dem Groß-Test stattfindet. Bräche die Partei dort, unter den Idealbedingungen einer maroden Rot-Grün-Regierung, eines CDU-Herausforderers von Format und einer klaren Koalitionsaussage ein - dann wäre Gerhardt fällig.

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