Politik : Die Kleinen sind die Größten

Im US-Wahlkampf tummeln sich Politiker in den so genannten „Swing States“ – in diesen Bundesstaaten zählt jede Stimme

Malte Lehming[Washington]

Es ist grotesk. Stell’ dir vor, ein neuer Präsident wird gewählt, und keiner wirbt um deine Stimme! Mehr als eine halbe Million Fernsehspots sind in den USA seit dem Ende der Parteitage ausgestrahlt worden. Doch mehr als 60 Prozent der Amerikaner haben keinen davon gesehen. Städte wie New York, Los Angeles und Chicago, die zusammen mehr als 14 Prozent des nationalen Medienmarktes abdecken, gehören zu den Metropolen der komplett Ahnungslosen. Dagegen sind in Reno im Bundesstaat Nevada innerhalb von neun Tagen die Werbespots von George W. Bush 460 Mal und die von John Kerry 358 Mal gezeigt worden. Und die kleine Stadt Chillicothe in Ohio – Einwohnerzahl: 21 796 – haben im Wahlkampf mehr politische Würdenträger besucht als den gesamten Bundesstaat Kalifornien, die sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt.

Die Erklärung dafür ist einfach: Nevada und Ohio gehören zu den so genannten „Swing States“. Das sind ein knappes Dutzend Staaten, in denen der Ausgang der Wahl, den Umfragen zufolge, offen ist. In Kalifornien dagegen, das immerhin 55 Wahlmänner stellt, hat Bush ohnehin keine Chance. Kerry wiederum braucht sich in Texas oder Alabama gar nicht erst sehen zu lassen. Dort ist das Rennen gelaufen, bevor es überhaupt angefangen hat. Die Grundregel heißt: „The winner takes all“ – der Sieger bekommt die Stimmen aller Wahlmänner eines Bundesstaates, in dem er die Mehrheit hat. Wer mindestens 270 Stimmen hat, wird Präsident. Vor vier Jahren gewann Bush gegen Al Gore mit 271 zu 266 Stimmen.

Daher herrscht selbst in einem bevölkerungsmäßig kleinen Bundesstaat wie Nevada, das nur fünf Wahlmänner zu vergeben hat, mehr Dramatik als etwa in San Francisco oder Sacramento. Allein auf die „Swing States“ oder auch „Battleground States“ konzentriert sich der Wahlkampf beider Lager. Einer der wichtigsten davon ist Ohio, wo am Dienstag das TV-Duell der beiden Vizes, Dick Cheney und John Edwards, stattfand.

Für Bush ist Ohio auch von symbolischer Bedeutung. Kein Republikaner ist jemals ins Weiße Haus eingezogen, der dort nicht die Mehrheit hatte. Vor vier Jahren war das Ergebnis knapp. Am Ende lag Bush rund 175 000 Stimmen vor Gore. In diesem Jahr soll der Erfolg wiederholt werden – um jeden Preis. Schon vor einem Jahr begannen die Republikaner mit ihrer Kampagne. Knapp 60 000 Freiwillige wurden geworben. Sie haben bereits mehr als eine Million Telefonate getätigt, um Unentschlossene für eine Wiederwahl des Präsidenten zu gewinnen.

Rund 70 Mal sind Bush, Kerry, Cheney und Edwards in diesem Jahr in Ohio aufgetreten. Am 2. September, kurz vor Mitternacht, unmittelbar nachdem Bush in New York seine Parteitagsrede beendet hatte, stand Kerry in Springfield, Ohio, und holte zum Gegenschlag aus. Kulturell ist Ohio eher konservativ. Doch mehr als 200 000 Arbeitsplätze sind während der Amtszeit von Bush hier verloren gegangen.

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