• „Die Konfliktorte wechseln ständig“ Der Koordinator des Roten Kreuzes in Damaskus über den Bürgerkrieg und die Not der Menschen

Politik : „Die Konfliktorte wechseln ständig“ Der Koordinator des Roten Kreuzes in Damaskus über den Bürgerkrieg und die Not der Menschen

Foto: djd/Deutsches Rotes Kreuz
Foto: djd/Deutsches Rotes KreuzFoto: djd

Herr Melgarejo, nach Einschätzung der UN verschlechtert sich die Lage in Syrien rapide und unaufhaltsam. Sie koordinieren von Damaskus aus für das Deutsche Rote Kreuz die Nothilfe. Wie sieht die Situation im Bürgerkriegsland aus?

Inzwischen geht der blutige Konflikt bereits ins dritte Jahr. Und die Folgen sind dramatisch: Über 100 000 Tote, mehr als zwei Millionen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten, gut fünf Millionen Menschen irren heimatlos im Land umher – das ist insgesamt ein Drittel der syrischen Gesamtbevölkerung! Und die meisten leben unter prekären Umständen in behelfsmäßigen Notunterkünften. Vielfach sind das Familien mit fünf, sechs Kindern, die in Zelten außerhalb der Städte untergekommen sind und nur mit dem Notdürftigsten versorgt werden können.

Wie kann man diesen Menschen überhaupt mitten im Kriegsgeschehen helfen?

Wir bemühen uns gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen vom Roten Halbmond, wenigstens das Allernotwendigste zur Verfügung zu stellen. Also vor allem Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs wie Hygieneartikel, Seife und Zahnpasta. Dazu Kochgerät, einfache Matratzen und Decken.

Aber wie schaffen Sie all diese Dinge in die umkämpften Gebiete?

Das ist mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden. Am Mittelmeerhafen Tartus unterstützt das Deutsche Rote Kreuz mit Finanzierung der Bundesregierung inzwischen ein großes Logistikzentrum des Roten Halbmonds, in dem die Waren ankommen und sortiert werden. Dann geht es mit Lkws in die verschiedenen Landesteile. Und damit beginnen die richtigen Probleme.

Inwiefern?

Es muss geklärt werden, dass die Transportwege gesichert sind. Die entsprechenden Garantien müssen ständig neu verhandelt werden. Manchmal von Checkpoint zu Checkpoint. Dementsprechend brauchen die Laster oft statt ein paar Stunden mehrere Tage. Es kommt auch immer wieder vor, dass die Wagen unter Beschuss geraten und umkehren müssen.

Die Intensität der Kampfhandlungen ist nach wie vor hoch?

Ja. Außerdem wechseln die Konfliktorte laufend. Wo an einem Tag noch halbwegs Ruhe herrschte, wird am nächsten Tag bereits geschossen. Das macht die Lage so unübersichtlich und unberechenbar – vor allem für die Menschen. Sie müssen oft mehrfach ihre Notunterkünfte verlassen und an anderen Orten Zuflucht suchen.

Viele Menschen versuchen, in Anrainerstaaten zu fliehen. Doch Länder wie Jordanien scheinen ihre Grenzen dichtzumachen. Bekommt man das in Syrien mit?

Es gibt in letzter Zeit Berichte darüber, dass die Menschen am Verlassen des Landes gehindert werden. Aber Jordanien oder der Libanon haben zusammen mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Das entspricht im Fall des Libanon etwa 20 Prozent der Landesbevölkerung – eine enorme Stresssituation. Allerdings ist auch klar: Syrer, die auf diesem Weg ihre Heimat verlassen, tun das, weil sie einfach keinen anderen Ausweg sehen, weil sie um ihr Leben fürchten.

Syrien, Ende November 2013 ist ...

… ein Land mit einer weitgehend zusammengebrochenen Wirtschaft und Infrastruktur. Ein Land, in dem auf 60 Prozent seiner Fläche gekämpft wird. Ein Land, in dem Millionen auf der Flucht sind. Ein Land, in dem über weite Bereiche die Gesundheitsvorsorge praktisch nicht mehr existiert oder grundlegende Dienstleistungen wie die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, Strom oder die Müllabfuhr nicht mehr funktionieren.

Hoffnungsvoll klingt das nicht.

Die Menschen sehnen sich vor allem nach einem: Dass der Konflikt endlich endet und irgendwie ein normales Leben wieder möglich ist. Doch davon ist Syrien weit entfernt.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

Alfredo Melgarejo (51) leitet für das Deutsche Rote Kreuz die Nothilfe in Syrien. Der Österreicher spanischer Abstammung arbeitet

in der Hauptstadt

Damaskus.

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