Politik : Die kranken Kassen gesund sparen

STREIT UM DIE REFORMEN

Gerd Appenzeller

Jetzt wird’s richtig grausam. Wenn wir in zehn, zwölf Jahren zum Zahnarzt müssen, sollen wir das alle voll aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. Keinen Cent gibt die Kasse dann noch dazu für Plomben oder Kronen. Zumindest will das Bernd Raffelhüschen so, und der sitzt immerhin in der berühmt-berüchtigten Rürup-Kommission. Die soll im Bereich der sozialen Sicherungssysteme jene Reformwunder vollbringen, die ein gewisser Herr Hartz aus Wolfsburg bereits auf dem Arbeitsmarkt in die Wege geleitet hat. Schon sehen wir uns als ein Volk zahnloser Greisinnen und Greise, weil sich nur noch Millionäre die aufwändige Dentalprothetik leisten können.

Natürlich soll die ganze Debatte aufregen. Wie denn wollte man die Deutschen reformreif machen, wenn man sie nicht zuvor in dem Selbstgefühl erschütterte, dass schon alles bezahlt wird, was wir von unserem Gesundheitssystem verlangen. Manchmal merken wir es ja selber, zum Beispiel im letzten Jahr. Da waren so wenige Deutsche krank gemeldet wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes hat dazu geführt, dass weniger blaugemacht wurde. Und das hat auch Kosten im Gesundheitswesen gespart.

Wir sollten uns ohnedies abgewöhnen, dieses System als eine ausschließlich karitative Veranstaltung selbstloser Menschenfreunde zu betrachten, deren einziges Trachten es ist, unsere durch verschuldete oder unverschuldete Krankheiten malträtierten Körper wieder gesund zu machen. Bitte, kein Missverständnis: Natürlich gibt es diese Altruisten in Weiß zu tausenden in Krankenhäusern und Arztpraxen. Sie sind es, denen das Vertrauen der Patienten in eine kompetente Betreuung zu danken ist. Aber in unserem Gesundheitssystem werden Jahr für Jahr 250 Milliarden Euro umgesetzt. Das bedeutet, dass es auch sehr egoistische Gründe gibt, diesen gigantischen Apparat immer weiter ausweiten zu wollen. Wir haben es also mit einem klassischen Interessenkonflikt zu tun.

Deshalb werden wir aus den Kreisen der Rürup-Kommission, die ja noch kein einziges Arbeitsergebnis vorgelegt hat, auch weiter divergierende und provozierende Meinungen hören. Jede Gruppierung möchte ihre Tendenz durchsetzen und in der öffentlichen Debatte die Meinungshoheit erreichen. Bernd Raffelhüschen zum Beispiel ist kein Mediziner, sondern – ein überaus angesehener – Finanzwissenschaftler. Er ist Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU. Die CDU aber möchte, wie wir wissen, viel ändern im Gesundheitssystem. Verdi-Chef Frank Bsirske ist nicht in der Rürup-Kommission, vertritt aber als Gewerkschaftsvorsitzender unbestreitbar eine eher strukturkonservierende Position. Er möchte am liebsten gar nichts ändern.

Wir Patienten aber, wir alle, sollen erst einmal ordentlich verschreckt werden. Wenn’s dann nicht so schlimm kommt, atmen wir vielleicht auf. Auf zweierlei sollten wir uns in jedem Fall einrichten, gleich, ob es um unsere Zähne oder andere Körperteile geht: In Zukunft wird, erstens, die Prophylaxe, die Vorbeugung und Krankheitsfrüherkennung, eine viel größere Bedeutung als früher haben. Viele ernste Leiden ließen sich so verhindern oder lindern. Das aber macht die Medizin und das ganze Gesundheitswesen billiger. Andere Länder zeigen, dass und wie es funktioniert. Für den, der raucht, trinkt oder hohes Übergewicht hat, wird, zweitens, die Krankenversicherung deutlich teurer werden – entweder man zahlt selber dazu oder die Versicherung klammert die mit dem Verhalten verbundenen Gesundheitsrisiken aus.

In der Zahnmedizin wirkt das Prinzip der Vorbeugung übrigens auch heute schon, völlig unabhängig von Bernd Raffelhüschen. Wer die jährliche Prophylaxetermine nutzt, braucht später kaum Zahnersatz, oder zahlt weniger dazu. Wenn Prophylaxe von Kindheit an beachtet wird, sinkt die Zahl der Kariesfälle bei Jugendlichen ganz erheblich. Dazu muss man aber auch schon in der Schule lernen, wozu das gut ist.

Kein Grund zur Angst also, Platzverweis für alle Bangemacher? Nein. Ja. An der Reform des Gesundheitswesens kommen wir jedoch nicht vorbei. Eine Reform nicht gegen, sondern mit den Patienten. Zahn für Zahn.

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