• Die Krankenkassen und der Wettbewerb: Noch sichert der Risikostrukturausgleich allen ihre Chancen

Politik : Die Krankenkassen und der Wettbewerb: Noch sichert der Risikostrukturausgleich allen ihre Chancen

Martin Gehlen

Seit gut vier Jahren herrscht frischer Wind in dem altehrwürdigen Gebäude der deutschen Krankenkassen. Ende 1996 erlaubte der Gesetzgeber erstmals den 50 Millionen gesetzlich Versicherten, ohne Rücksicht auf ihre Berufszugehörigkeit frei zwischen den gesetzlichen Kassen zu wählen. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger machen von ihren neuen Freiheiten Gebrauch, sodass sich bei den Kassen Gewinner und Verlierer mittlerweile deutlich herausschälen.

Eindeutiges Schlusslicht im neuen Wettbewerb sind die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Ihnen haben besonders viele "gute Risiken", sprich gesunde Mitglieder mit hohem Einkommen, den Rücken gekehrt. Anfang Januar 2000 zählten die AOKs 20,08 Millionen Mitglieder - ein Minus von 1,77 Millionen im Vergleich zu 1996. Der durchschnittliche Beitragssatz liegt nun bei 13,84 Prozent - 13,74 im Westen und 14,22 im Osten. Die meisten der ehemaligen AOK-Kunden sind zu einer der rund 350 Betriebskrankenkassen gewechselt. Bis zu 250 Mark im Monat lassen sich dadurch sparen - bei fast identischen Leistungen. Von 1996 bis Anfang diesen Jahres konnten die Betriebskassen ihre Mitgliederzahl von 5,2 auf 7,2 Millionen steigern - eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Mittlerweile sind sie zur drittgrößten Kassenart der gesetzlichen Krankenversicherung aufgestiegen.

Zwischen diesen beiden Extremen platziert liegen im Augenblick die Angestelltenkassen. Auch wenn ihr Beitragssatz mit 13,51 etwa dem Durchschnitt der gesetzlichen Kassen entspricht, zählen sie dennoch zu den Gewinnern der Wahlfreiheit. Ihre Mitgliederzahl kletterte auf 18,1 Millionen, rund 300 000 mehr als vor vier Jahren. Ebenfalls zugelegt haben die insgesamt 30 Innungskassen. Sie sichern den Gesundheitsschutz von 4,6 Millionen Handwerkern und ihren Familienangehörigen. 220 000 neue Kunden haben sie gewonnen, bei 3,246 Millionen Mitgliedern. Ähnlich positiv ist auch die Bilanz der Arbeiter-Ersatzkassen.

Die finanziellen Vorteile, welche die Wahlfreiheit vielen Bürgern beschert hat, haben die Kassenlandschaft erheblich umgekrempelt. Den teuren Instituten bleiben, wie AOK-Sprecher Rolf Eikel beklagt, "bald nur noch die Rentner, die jeden dritten Tag bei ihrer Kasse anrufen und nach einer Kur fragen oder einer Gehhilfe oder sonst was, und die ihre Kasse auch nicht mehr wechseln". Dagegen wechseln vor allem Jüngere, Gesunde und Informierte zu den preisgünstigen Betriebskassen, von den alten Großkassen spöttisch auch als "Yuppie-Kassen" oder "Billig-Kassen" tituliert. Hier wird der Kundendienst meist per Telefon oder über das Internet abgewickelt. Teure Geschäftsstellen vor Ort, die die AOK und Ersatzkassen viel Geld kosten, gibt es nicht.

Die Betriebskrankenkassen lassen diese Vorwürfe kalt. Vor allem Verwaltungsprobleme bei den großen Kassen seien die Ursache für deren Finanznöte, erklären sie. Und selbst wenn ihre Bilanzen tatsächlich von zahlungskräftigen Mitgliedern profitierten, so werde dies durch den Risikostrukturausgleich wieder ausgeglichen. In diesen seit 1994 vorgeschriebenen staatlichen Solidaritätsfonds zahlen in erster Linie die Ersatz- und Betriebskrankenkassen ein, um die unverschuldeten Wettbewerbsverluste der AOKs auszugleichen.

Nach dem Willen des Gesetzgebers sollen durch diesen Topf jene Kassen entlastet werden, die besonders viele alte, gering verdienende Mitglieder und beitragsfrei mitversicherte Familienangehörige haben. Einzahlen wiederum müssen jene Kassen, die viele junge, besser verdienende Mitglieder und wenige Familienangehörige in ihren Reihen haben. 21 Milliarden Mark sind auf diese Weise in den letzten Jahren zwischen den Gesundheitskassen umverteilt wurden, um die Chancengleichheit zwischen "Armen" und "Reichen" zu wahren - eine zentrale Komponente des Solidarsystems. Denn gäbe es diesen Fonds nicht, wären viele Ortskrankenkassen und Ersatzkassen schon längst aus dem Rennen.

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