Politik : Die Krise der alten Modelle Von Moritz Döbler

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Angst, dass das Gehalt am Monatsende nicht kommt. Angst, dass der Arbeitsplatz gestrichen wird, dass man schon bald einer von fünf Millionen Arbeitslosen ist. Schon die vergangenen Wochen waren schwierig für die bundesweit knapp 10000 Beschäftigten der Walter Bau AG. Und immer wieder drang aus den Gesprächen der 27 Hausbanken die Kunde, die Rettung des drittgrößten deutschen Baukonzerns sei in Sicht. Hoffnung.

Vorbei. Die Pleite ist auf Antrag des Unternehmens gerichtlich festgestellt worden. Und der Reflex der Politik, aus vergangenen Jahren allzu bekannt, ist ausgeblieben. Anders als im Fall des Baukonzerns Philipp Holzmann hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht per BundeswehrMaschine an den Firmensitz begeben. Hat nicht mit dem Megaphon markige Zusagen gemacht, sich nicht als Retter feiern lassen. Auch Landesvater Edmund Stoiber versprach dem Augsburger Unternehmen keine Bürgschaften.

Gut so – so schwer das für jede Familie wird, die von der Walter-Bau-Pleite betroffen ist. Denn seit Holzmann wissen wir auch, dass große Versprechen der Politik kurze Beine haben – Holzmann ging dann doch pleite, gut zwei Jahre später.

Doch auch den Banken kann man keinen Vorwurf machen. Warum sollte man mit Millionen oder gar Milliarden ins Risiko gehen, wenn man nicht an das Sanierungskonzept, an das handelnde Personal, an einen Aufschwung der inländischen Baukonjunktur glaubt?

So gibt es nur einen Schuldigen: Ignaz Walter. Selbst wenn man seine Präsidentschaft beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, sein Mäzenatentum, seine Person insgesamt schätzt, selbst wenn man mit Trauer auf sein zertrümmertes Lebenswerk blickt. Ignaz Walter hat den Strukturwandel seiner Branche verpasst. Er hatte keine Antwort auf das Ende des Baubooms nach der Wiedervereinigung. Er kaufte kleinere Konkurrenten auf, weil sie billig zu haben waren, aber ihm fiel keine neue Strategie ein.

Die Baubranche kriselt schon lange. 2005 dürfte das elfte Jahr in Folge mit sinkenden Umsätzen werden. Die Konjunktur in Deutschland kommt insgesamt kaum in Fahrt, und der Hauptauftraggeber der Branche – die öffentliche Hand – hält sich mit großen Bauinvestitionen zurück. Die beiden deutschen Branchenführer, Hochtief und Bilfinger Berger, erwirtschaften längst mehr als die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland und haben sich neue Geschäftsfelder erschlossen. Selbst wenn alle Walter-Bau-Beschäftigten arbeitslos würden, was in einem geordneten Insolvenzverfahren nicht so ist, fielen sie statistisch kaum ins Gewicht. Seit dem Beginn der Baukrise Mitte der 90er Jahre hat sich die Zahl der Beschäftigten der Branche fast halbiert und liegt nun bei 770000.

Das Beispiel Walter zeigt, dass kein Unternehmer und kein Manager es sich leisten kann, nicht global zu denken. Wenn hier keine Gewinne zu erwirtschaften sind, dann müssen sie anderswo herkommen. Die Erweiterung der Europäischen Union bietet Chancen, auch für Bauunternehmen – und erst recht China, Brasilien, Russland, die Emirate. Es ist die Wirtschaft, die Arbeitsplätze schafft, nicht die Bundesregierung.

Das zeigt sich nicht nur in der Baubranche, sondern auch zum Beispiel im Einzelhandel. Wo Karstadt-Quelle mühsam die eigene Sanierung durchficht, boomt das Geschäft bei Deutschlands größtem Einzelhändler Metro – aber eben in Osteuropa. Weil das so ist, muss Metro im Inland nicht schrumpfen.

Ignaz Walter hatte die Herausforderung selbst erkannt: als er das Ende des deutschen Maurers ausrief. So steht in diesen Zeiten vieles in Frage, was zum Kern des einstigen Wirtschaftswunderlands gehört. Die Fertigung von Standardkleinwagen an Standorten wie Bochum oder letztlich auch Wolfsburg und Rüsselsheim, das Geschäftsmodell der deutschen Sparkasse, der deutsche Tarifvertrag. Die Liste ist noch länger. In allen diesen Fragen hilft es wenig, vergangenen Zeiten nachzutrauern. „Land of Ideas“, Land der Ideen, will Deutschland im WM- und Wahljahr 2006 sein. Es wird noch mancher Umbruch zu bewältigen sein, bis der Slogan stimmt.

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