Politik : Die Kroaten wollen nicht mehr in die Europäische Union

Die Zustimmung zu einem Beitritt bricht ein – die Bürger fürchten die Dominanz des Auslands und den Druck zu Reformen

Jan Pallokat

Berlin/Zagreb - Als die 32-jährige Slowenin Doris Sattler neulich die kroatische Hauptstadt besuchte, wusste sie nicht recht, was sie auf die erwartungsvolle Frage vieler Einheimischer antworten sollte: Wie es denn so sei in der EU? „Das war bei uns vor dem Beitritt ein großes Thema“, erinnert sie sich. Aber als er dann kam, blieb der große Knalleffekt aus, und schnell wurden andere Themen wichtig. Schließlich waren die rechtlichen Rahmenbedingungen schon vorher weitgehend auf EU-Standard gebracht worden, hatten sich Unternehmen und Wirtschaft längst positioniert.

Doch wie zuvor in den Beitrittsstaaten der ersten Runde regt das Thema EU nun bei den Kandidaten der Zukunft die Phantasie an. Wobei sich viele Kroaten eine Mitgliedschaft eher in hässlichen Farben ausmalen. Mögen Zagreber Regierungsmitglieder auch gebetsmühlenhaft wiederholen, wie wichtig der EU-Beitritt für das Balkanland sei – die Bevölkerung zieht nicht (mehr) mit. Stattdessen fallen die Umfragewerte in atemberaubendem Tempo: Von 80 Prozent vor zwei Jahren auf 60, 55 und bei der letzten Umfrage im August auf nur noch 34 Prozent Zustimmung zum Beitritt – und 57 Prozent Nein-Stimmen.

Einige der dabei ursächlichen Sorgen der Menschen kennt man aus Polen oder Ungarn vor deren Beitritt: Vom drohenden Ausverkauf der kroatischen Wirtschaft ist da die Rede und davon, dass Ausländer die schönsten Adria-Häuser reihenweise aufkaufen werden. „Viele Leute glauben, dass Kroatien, weil es so klein ist, in der EU nicht mitreden kann und ständig nach der Brüsseler Pfeife tanzen muss“, sagt die Zagreber Chemiestudentin Ana Muzinic.

Hinzu kommt ein allgemeines Unbehagen am Druck aus dem Ausland, den Investoren wie internationale Institutionen ausüben – etwa für mehr marktwirtschaftliche Reformen. Als Versuch, ein souveränes Land zu manipulieren, wird auch der Streit um den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ante Gotovina wahrgenommen, den die UN-Chefanklägerin Carla del Ponte in Kroatien vermutet, auf den die kroatische Regierung aber nach eigenen Beteuerungen keinen Zugriff hat. Auf Grund des Streits legte Brüssel den Start der Beitrittsgespräche im Frühjahr vorerst auf Eis.

Dragan Bagic vom Zagreber Meinungsforschungsinstitut „Puls“ hat noch eine andere Stimmungsbremse ausgemacht: „Das ist die Krise der europäischen Idee selbst“. Die gescheiterten Verfassungs-Referenden und andere EU-interne Streitereien färben demnach ab. Zumal sich viele Kroaten ausrechnen, dass die Union heute viel weniger bietet als noch vor einiger Zeit, als sie viel weniger Neulinge unterstützen musste. Freilich ist die Eingliederung des Landes in das europäische Wirtschaftssystem schon jetzt kaum aufzuhalten. Über 90 Prozent der kroatischen Banken sind bereits in ausländischer Hand. Die Deutsche Telekom hat den örtlichen Mobilfunker geschluckt und wirbt mit dem magentafarbenen „T“, als sei Kroatien das siebzehnte Bundesland. Wichtige Unternehmen wie der Zagreber Pharmahersteller Pliva verbuchen stark steigende Umsatzanteile in Westeuropa. Und zuletzt kauften sich Unternehmen aus Slowenien massiv in Kroatien ein. Die Handelskette Mercator etwa überzieht ganz Ex-Jugoslawien mit ihren Läden.

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