Politik : Die Kunst zu kündigen

STAAT UND THEATER

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Von Rüdiger Schaper

Etwas ist faul in diesem Staats-Theater. Während der Wahlkampf Duelle vorspiegelt und die politischen Hauptdarsteller Charaktermasken ausprobieren, sehen sich die klassischen darstellenden Künste schwer angeschossen. Seit der Sommerpause ist im Kulturbetrieb nichts mehr, wie es war: Bedeuten die Bretter nicht mehr die Welt?

Die neue Saison beginnt mit Paukenschlägen. Kein Tag vergeht ohne kulturpolitische Schreckensmeldung. In Frankfurt am Main wirft Ballettchef William Forsythe das Handtuch. In Hamburg droht Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher mit Weggang. In Zürich erfährt Theaterdirektor Christoph Marthaler aus der Presse von seiner Kündigung. In Wuppertal hat Pina Bausch, die Ikone des internationalen Tanztheaters, mit Abschiedsgedanken gespielt. In Berlin haben die Vertragsverhandlungen mit Frank Castorf, dem populärsten Theaterleiter der Hauptstadt, gerade noch ein gutes Ende gefunden. Und schon geht das Gerücht, Berlins Finanzsenator Sarrazin bereite eine neue Giftliste vor, mit Kürzungen im zweistelligen Millionenbereich allein in der Kultur.

Gewiss unterscheiden sich all diese Fälle. Zürich ist nicht Berlin, Bausch und Forsythe mögen nach langen Jahren müde sein, und in den großen Theater- und Opernbetrieben hat das Geld allzu lange keine Rolle gespielt. Doch nie zuvor schien es so leicht, berühmte Künstler vor die Tür zu setzen, ja: Ikonen des Kulturbetriebs zu kegeln. Und der Verdacht, dass knappes Geld jetzt nur eine günstige Gelegenheit biete, sich sperriger, exzentrischer Regisseure und Theaterbosse zu entledigen, ist nicht von der Hand zu weisen. In Zürich hat der Verwaltungsrat sogar einen Volksentscheid zu Gunsten des – nicht eben konsumierbaren – Marthaler-Theaters übergangen.

Gibt es einen neuen Hass auf Künstler? Gefallen sich Kulturpolitiker als Revanchisten – oder handeln sie aus purer Not, wenn sie Etats zusammenfalten, über Nacht Kündigungen beschließen und Künstler ziehen lassen, die sie selbst auf den Knien rutschend engagiert haben und die jahrzehntelang als Aushängeschilder dienten?

Claus Peymann, der Barrikaden findet, wo er hintritt, bietet seinem Kollegen Christoph Marthaler „Exil“ am Berliner Ensemble an. Theater als Frei-Staat, als autonomer Raum, den Kirchen gleich: Dieses Selbstverständnis der alten Schule muss provozieren. Und es scheint nicht mehr in eine Gesellschaft zu passen, die überall knallharte Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellt. Ist es Zufall, dass Zürich und Frankfurt, die von Banken geprägten Städte, die trotzig-hilflose Vorhut einer neuerdings kunstfeindlichen, jedenfalls ignoranten Politik bilden – während es im kulturell reichen und sonst eher armen Berlin noch relativ gemäßigt zugeht?

Hass ist ein zu hartes Wort – und ein zu blindes Motiv. Etwas anderes macht sich breit: Überdruss und Misstrauen. Gegen Künstler, gegen ihre Apparate, gegen ihre (Selbst-)Inszenierungen. Das deutsche Theater- und Opernsystem, einmalig in der Welt, wird nicht mehr als Selbstverständlichkeit betrachtet. Sein finanzieller Spielraum wird eingeschränkt, sein Bildungsauftrag angezweifelt – das spürt auch ein Peymann, der nun gerade nicht das bürgerliche Publikum mit wilden Experimenten verschreckt. Theater und Oper bekommen den Hautgout des Luxus – gerade weil die ästhetische Konvention, wie ein Klassiker aussieht, nirgendwo mehr existiert. Kultur ist, anders als vor vier Jahren, jetzt kein Wahlkampfthema. Aber die Debatte spitzt sich zu: Soll und will eine Gesellschaft, die sich selbst in einer schweren wirtschaftlichen Krise sieht, die institutionalisierte Kultur noch bezahlen? Und: Kann sich Kultur überhaupt rechnen?

Gleichzeitig gründen Kommunen und Länder, denen das System des teatro stabile suspekt geworden ist, Festival um Festival. Mit Ruhr-Triennale oder Wormser Nibelungen-Spektakel will man sein Image pflegen, im Kulturtourismus mitspielen, die Wirtschaft ankurbeln und repräsentieren. Festivals versprechen mehr Glamour und ein besseres Preis-Leistungsverhältnis als feste Häuser, sie erscheinen beherrschbar. Die Politik ist das wahre Theater. Die Politik will ihr Primat zurück. Auf gut Deutsch heißt das: hire and fire!

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