Politik : Die Lektionen lernen

Von Hermann Rudolph

-

Ja, es ist Zeit, dass die erste Reihe der Politiker zur Feuerpatsche greift.Vielleicht war der Bundespräsident noch zu zurückhaltend, als er vor zehn Tagen, beim „Tag der Heimat“, dazu aufrief, dazu riet, angesichts der schwelenden Irritationen im deutsch-polnischen Verhältnis das Gespräch mit Polen zu suchen. Ergebnisse solcher Gespräche, wie sie die Bundeskanzlerin und der Außenminister mit ihren polnischen Kollegen geführt haben, klingen alarmierender. Da erklärt Angela Merkel, dass man die „Probleme, die es gibt, nicht unter den Teppich kehren“ wolle, und Frank-Walter Steinmeier gibt sich entschlossen, eine „Brücke der Verständigung“ zu installieren – so als unterhielten Deutsche und Polen nicht seit Jahr und Tag enge Beziehungen. Da kommt der Antrittsbesuch von Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski am Ende Oktober gerade recht: Es ist viel zu bereden und viel zu befrieden.

Zum Beispiel hat die Nachbarschaft gerade wieder einmal eine der bekannten heftigen Erschütterungen hinter sich, die auch nicht besser werden, wenn man sie als Missverständnisse deklariert. Auch wenn Kaczynski es nicht so gemeint haben will, wie er am Wochenende zitiert wurde – man könne die Wahlprivilegien für die deutsche Minderheit in Polen streichen, wenn die Deutschen den Polen in Deutschland nicht entgegenkämen – , so scheucht er doch mit solchen Erwägungen Hunde auf, die man besser schlafen ließe. Nicht anders die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach, die in der vergangenen Woche der Debatte ausgerechnet gewagte, wo nicht abstruse erinnerungspolitische Bezüge zwischen dem Zentrum gegen Vertreibungen und dem Warschauer Aufstand hinzufügte.

Kann man wirklich nicht so übereinander reden, dass nicht immer irgendwelche Empfindlichkeiten gereizt werden? Gut, man sollte sich nicht darüber täuschen, dass das deutsch-polnische Verhältnis noch immer voller Untiefen ist. Der Prozess der Verständigung zwischen den beiden Völkern hat das Verhältnis zur Vergangenheit zwar verändert, aber er hat sie und die Wunden, die sie geschlagen hat, nicht auslöschen können. Zumal auf der polnischen Seite ist das Trauma des Krieges – Besatzungsterror, Verfolgung, Unterdrückung aus Herrenrasse-Vorurteilen – keineswegs weniger präsent als das der Vertreibung auf der deutschen. Es sitzt, im Gegenteil, weitaus tiefer, auch weil die erlittenen Demütigungen mit einem Gefühl der „moralischen Überlegenheit“ gegenüber den Deutschen – so der polnische Amerikaner Zbigniew Brzezinski – kompensiert werden. Die Reaktion auf das Zentrum gegen Vertreibungen war ein Indikator dafür. Sie zogen selbst bewährte Parteigänger der deutsch-polnischen Versöhnung in ihren Sog.

Wahrscheinlich ist deshalb das einzige Mittel gegen die Verstörung in diesem Verhältnis die Erinnerung daran, was Deutsche und Polen heute miteinander verbindet: eine massive Handelspartnerschaft ( Deutschland ist für Polen größter Partner, Polen für Deutschland der größte im Osten), 1,7 Millionen Begegnungen im deutsch-polnischen Jugendaustausch, ein enges Netzwerk auf allen Ebenen von Städtepartnerschaften, Kultur und Wissenschaft. Die gelebte Normalität kann davor bewahren, dass die Vergangenheit wieder Macht über die Gegenwart gewinnt. Allerdings nur dann, wenn Politik, Meinungsmacher und Stimmungsmanipulateure sich klar darüber sind, wie brisant das Material ist, mit dem sie hantieren.

Davon kann allerdings nicht die Rede sein. Stattdessen erleben wir, wie sich Verdächtigungen, Vorbehalte und Unterstellungen gegenseitig hochschaukeln. Eine Überzogenheit fordert die nächste heraus. Mag sein, dass Polen nach den real-sozialistischen Zeiten einen Nachholbedarf an Patriotismus zu befriedigen hat. Aber es läuft Gefahr, dass das auf Kosten des deutsch-polnischen Verhältnisses geht, auf das beide Seiten angewiesen sind. Denn es fördert auch in Deutschland nicht die Bereitschaft, sich um das Verständnis der polnischen Probleme zu bemühen, die nicht gering sind. So drohen Polen wie Deutsche ihre nationalen und europäischen Lektionen zu versäumen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar