Politik : Die letzte Hoffnung der Ost-SPD: Matthias Platzeck soll in den Parteivorstand

Nana Brink

Drei Grad, Schmuddelwetter, und Matthias Platzeck lässt die Korken knallen. Es ist schon dunkel an diesem Nachmittag, als der schlanke Mann mit der schwarzen Lederjacke in der Potsdamer Fußgängerzone zur Sektflasche greift und vorbeieilenden Passanten ein Gläschen aufnötigt. "Na, nehmen Sie doch noch einen Schluck auf unsere Kosten", sagt Matthias Platzeck und lächelt sein Brad-Pitt-Lächeln. Dann erzählt er etwas über die Jahrtausend-Uhr, die im Schaufenster eines Brillenhändlers ausgestellt ist und zu deren feierlicher Inbetriebnahme er sich fast eine Stunde in die Kälte stellt. Dann lächelt er wieder und hat gewonnen, nicht nur bei den Frauen, obwohl bei denen ganz besonders.

Platzeck ist Oberbürgermeister von Potsdam und "der bestaussehende Mann auf diesem Posten in Deutschland", wie eine Frauenillustrierte befand. Er weiß das und spielt in der Fußgängerzone den charming boy, weil "sich Politik nun mal über Menschen verkauft". Vor allem im Osten. Das Sektglas in der Hand, schwärmt der Oberbürgermeister davon, Potsdam zur "schönsten Landeshauptstadt" zu machen, um im gleichen Atemzug und mit einem Lächeln den Abbau von 500 Stellen im öffentlichen Dienst anzukündigen.

Seit Matthias Platzeck im Sommer 1997 als Umweltminister in Brandenburg die durchweichten Deiche an der Oder erklommen hat, ist er der Darling der Ost-SPD, der einzige, den sie noch hat. Es dauerte keine drei Wochen, und die Republik kannte den "Deichgrafen" mit dem dunklen Bart und den wachen braunen Augen, der rund um die Uhr Wasserstandsmeldungen verlas, die Menschen tröstete und unangenehme Wahrheiten verkündete. Zum Beispiel, dass die Oder mehr Raum braucht: Platzeck, der Radikal-Ökologe.

Die Oderflut hat den Politiker Platzeck nach oben gespült. Auf dem SPD-Parteitag im Dezember wird Brandenburgs sozialdemokratischer Hoffnungsträger die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmen. Das Führungsgremium der Partei hat "einmütig und ohne Gegenstimme" beschlossen, den 45-Jährigen auf die Liste der Kandidaten für den Parteivorstand zu setzen. Für ihn verzichtete Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe auf eine Kandidatur. Zu Platzecks Fans zählt auch der Kanzler, der mit dem Gedanken spielte, ihn in sein Kabinett zu berufen, obwohl sich Platzeck umgekehrt die Kritik an Schröder nicht nehmen lässt. Rudolf Scharping sähe ihn gerne als einen seiner Stellvertreter in der Kommission, die das neue Parteiprogramm ausarbeitet. In der SPD in Brandenburg wird er nicht nur als Stolpes Kronprinz gehandelt, sondern auch als Anwärter auf den Posten des Landesvorsitzenden.

Während die "Bild"-Zeitung ihm in einer Fotomontage schon eine mit Juwelen verzierte Krone aufsetzt, schweigt sich der Oberbürgermeister über seine weiteren Karrierepläne aus. "Ich bin doch hier nicht der Ober-Ossi", sagt er gern und funkelt angriffslustig mit den Augen. Dass er sich für geeignet hält für das Amt des Ministerpräsidenten, daran lässt er keinen Zweifel, "solange ich nicht so werde wie der grüne Fischer, den man ja heute nicht mehr wieder erkennt". Auf eine öffentlich zelebrierte Radikalkur hat der ehemalige Grüne Matthias Platzeck im Gegensatz zu Fischer verzichtet. Sein Erscheinungsbild hat sich dennoch gewandelt. Der Bart ist grauer, die Anzüge sind schicker geworden. Aus dem Bürgerrechtler mit Fundi-Anstrich wurde ein Gewinner der Wende, einer der wenigen Stars, die die Vereinigung auch politisch überlebten.

Er saß in der letzten Volkskammer der DDR, war Mitbegründer des Bündnis 90, das nach der ersten Brandenburger Landtagswahl 1990 eine Ampelkoalition mit SPD und FDP bildete. Matthias Platzeck wurde Umweltminister, aus dieser Zeit rührt das enge Verhältnis zu Manfred Stolpe, den er bis heute für "integer" hält. Jeder habe wissen müssen, dass Stolpe als Kirchenmann Kontakte zur Stasi unterhalten habe, "sonst hätte er nicht so vielen Menschen helfen können". Als die Koalition eben an jenen Stasi-Vorwürfen zerbrach, blieb Platzeck im Amt, auch als er seiner damaligen Partei den Rücken kehrte, die mit den Westgrünen fusionierte. Noch heute erzählt er gern von seinen Besuchen auf Grünen-Parteitagen, wo auch schon mal mit Wasserpistolen hantiert wurde. "Ich dachte, ich spinne!", beschreibt er seine damaligen Eindrücke, "das war eine Welt, die mit unseren Problemen nichts zu tun hatte."

Matthias Platzeck ist keiner, der Macht verachtet. Der Opportunismus, den ihm viele Weggenossen aus der Bürgerbewegung deshalb vorhalten, ist taktisch bedingt. Dem parteilosen Umweltminister wurde schnell klar, dass "ohne Hausmacht keine Politik zu machen ist", weshalb er im Sommer 1995 in die SPD eintrat. "Früher war ich ein Roter unter den Grünen, jetzt bin ich ein Grüner unter den Roten", sagt er. Wandeln musste er sich häufig als Umweltminister. Er nennt das "Pragmatismus". Den hat er nicht nur bei der Oderflut bewiesen, als er, der glühende Pazifist, "die klare und eindeutige Befehlsstruktur" der Bundeswehr lobte.

Eine 180-Grad-Wende vollzog er auch, als es um den Erhalt des Lausitzer Dörfchen Horno ging, das dem Braunkohletagebau weichen muss. Aus dem Kämpfer gegen den Kohleabbau wurde der Arbeitsmarktpolitiker, der einsah, dass das Dorf nicht zu halten war. Bis heute allerdings hat seine Glaubwürdigkeit nicht gelitten, weil er seine Wendungen als "notwendige Korrekturen" verkauft.

Bei den Potsdamern, die ihn 1998 mit über 67 Prozent zu ihrem Oberbürgermeister wählten, steht er in der Beliebtheitsskala noch immer ganz oben, obwohl er der Landeshauptstadt angesichts des 80-Millionen-Defizits einen rigiden Sparkurs verordnet hat und den Bürgern schon mal ihre "Mecker-Mentalität" vorhält. Vielleicht hören sich die Wahrheiten aus dem Mund des Medienlieblings auch gar nicht so schlimm an. Matthias Platzeck weiß, wie er die Menschen für sich einnehmen kann. Sein Auftritt bei "Wetten dass"? ...", als er den liebenswürdigen, witzigen Bürgermeister zum Besten gab, hat die Leute beeindruckt. "Sie waren aber toll in der Sendung", sagt ihm dann die alte Dame in der Fußgängerzone, und Matthias Platzeck mutiert zum Schwiegermutterschwarm.

Die Bilanz der öffentlichen Auftritte nach einem Jahr: 100 Spatenstiche und 400 Treffen mit Vereinen und Verbänden. "PR für Potsdam" nennt Platzeck das, und da ist ihm nichts peinlich, auch nicht, wenn er von seiner Liebe zur brandenburgischen Landschaft erzählt, zu der er ein "quasi erotischen Verhältnis" habe. "Die ist mit ihren Hügeln eine richtige Busen- und Po-Landschaft, daraus entstehen Lust und Kraft."

Bald soll er also im Bundesvorstand sitzen. Da dürfte Kritik am "Brioni-Kanzler und seinem Zigarren-Tick" nicht so gut ankommen, ebenso wenig wie Äußerungen, die Politik der neuen Mitte sei nur ein großer Bluff. Die könne man sich "abschminken", wenn es der SPD nicht gelinge, den Verteilungskampf in den Griff zu bekommen. Und: "Die soziale Gerechtigkeit ist bei der SPD im Moment nicht greifbar." In Potsdam klingt das gut. Aber in Berlin?

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar