Politik : Die letzte Schlacht

Vor 50 Jahren besiegten Vietnamesen die Kolonialmacht Frankreich. In Dien Bien Phu kämpften auch viele Deutsche

Alexander Visser

Als Heinrich Bauer über Dien Bien Phu absprang, war die Schlacht längst verloren. Die vietnamesische Artillerie in den Bergen zermürbte die Verteidiger, die Bunker waren zerstört, Nachschub kam nur noch per Fallschirm. Dennoch sprang der Fremdenlegionär aus Kassel im April 1954 in den verlorenen Vorposten. „Die Legion“, sagt der Mann mit dem weißen Haarkranz und den lebhaften Gesten, „sollte die französische Ehre verteidigen.“ Dien Bien Phu fiel am 7. Mai 1954. Die Schlacht leitete das Ende der französischen Herrschaft in Indochina ein. Doch weder Frankreich noch die USA, die sich immer stärker in Vietnam engagierten, lernten aus der historischen Niederlage vor 50 Jahren.

Seit den vierziger Jahren hatte die Guerilla unter Ho Chi Minh für die Unabhängigkeit gekämpft. 1954 kontrollierten sie den Norden des Landes, die Franzosen beherrschten von Saigon aus den Süden. In dem unpopulären Krieg setzte Paris immer stärker auf die Fremdenlegionäre. Etwa 20000 waren es Anfang 1954, die Hälfte davon waren Deutsche. „Beim Marschieren haben wir ,Oh du schöner Westerwald’ gesungen“, erinnert sich der mehrfach ausgezeichnete Sanitätssoldat. Viele junge Deutsche sahen im Nachkriegsdeutschland keine Zukunft und gingen zur Legion.

In Dien Bien Phu wollte Paris die Guerillakämpfer entscheidend schwächen. Der strategisch wichtige Grenzort zu Laos wurde zu einer Festung ausgebaut, vor der die Angreifer ausbluten sollten. Doch die französischen Strategen unterschätzten den Gegner: General Vo Nguyen Giap ließ schwere, in Einzelteile zerlegte Geschütze auf die umliegenden Berge schleppen. „Mit dieser sagenhaften Kraftanstrengung hatte niemand gerechnet“, sagt Bauer.

Nach dem Fiasko von Dien Bien Phu zog sich Frankreich aus Indochina zurück. In Algerien begann schon der nächste sinnlose Kolonialkrieg. Die USA übernahmen die Rolle der Schutzmacht in Südvietnam, um das Land vor dem Kommunismus zu bewahren. Doch mit der Zähigkeit, die sie schon in Dien Bien Phu gezeigt hatten, vertrieben Ho Chi Minhs Kämpfer 20 Jahre später auch die Supermacht.

Weit über 10000 Vietnamesen starben in den 57 Tagen der Schlacht von Dien Bien Phu. Auf französischer Seite fielen mindestens 2300 Soldaten im Gefecht. Von den rund 11000 Kriegsgefangenen überstanden nur 3000 die Straflager, den Hunger und die Amöbenruhr. An den Moment seiner Freilassung im Juli 1954 erinnert sich Heinrich Bauer noch ganz genau. Ein Offizier nahm die Männer in Empfang und berichtete: „Deutschland ist Fußballweltmeister!“

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