Politik : Die letzten Meter

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Foto: Rückeis

AUF ZU DEN LINDEN!

Von Margot von Renesse

So einen Wahlkampf wie 2002 habe ich noch nie erlebt. Flau und mau erschien er mir in den ersten Wochen: Rot-Grün war vergebens bemüht, die Selbstzerstörung zu stoppen; bei den Schwarzen gab es Häme statt neuer Konzepte; die Blau-Gelben befanden sich auf dem Single-Ego-Jugend-Trip. Wenn sich aber schon Erwachsene von „der Politik“ abwenden – wen wundert’s, dass erst recht junge Leute ein Verhältnis dazu bekommen wie zu einem missratenen Fernsehkrimi? Um so mehr hat es mich gefreut, dass meine Enkelkinder sich dieses Jahr bei ihrem Vater am SPD-Stand nicht nur die Wartezeit vertrieben, sondern ihm mit selbstgemachter „Werbung“ halfen.

Ob Vaters und Großmamas Beispiel eines Tages auch sie zu politisch aktiven Bürgern machen wird?

Dieses Jahr herrschte lange der Eindruck, Sieger und Verlierer stünden schon fest. Sagte mir doch vor Wochen ein Jung-Unionist: Bei dem satten Vorsprung seiner Leute müsse schon eine Katastrophe kommen, um den Wahlsieg zu verhindern … prophetische Worte! Die Flut kam – und mit ihr die erneuerte Erkenntnis, dass verantwortliches Denken und Handeln der Politik unverzichtbar ist, soll die Anstrengung vieler einzelner um ihren Lebenserfolg gelingen. Und siehe da: Plötzlich gibt es wieder politische Auseinandersetzungen und leidenschaftlichen Streit – kurz: Wahlkampfstimmung, wenn auch nur auf den letzten Metern. Dabei begegnen die Bürger den unvermeidlichen Wahlversprechen der Parteien durchaus mit nüchterner Abgeklärtheit. Sagte eine Frau zu einem um ihre Zustimmung werbenden Wahlkämpfer: „Dass Sie unsere Probleme alle packen werden, glaube ich sowieso nicht; aber werden Sie sie anpacken?“

Margot von Renesse ist Präsidentin der Ethik-Kommission des Bundestages. Bis zum 22. September lesen Sie hier jeden Tag Stimmen zum Wahlkampf.

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