Politik : Die libysche Gefahr

Erstaunen bei der US-Armee im Irak: Viele Al-Qaida-Krieger kommen aus Gaddafis Reich

Frank Jansen

Berlin - Der Wert der Dokumente ist immens. Im Oktober 2007 fielen dem US-Militär bei einer Razzia im Irak, nahe der Stadt Sinjar an der Grenze zu Syrien, zahlreiche Unterlagen von Al Qaida in die Hände. Als die Amerikaner das Material sichteten, war die Überraschung groß: Hunderte ausländische Dschihadisten (Heilige Krieger) hatte die irakische Filiale der Terrororganisation in Personalbögen erfasst. Auf einigen kleben Fotos, ein Teil ist nur handschriftlich ausgefüllt, auf vielen hingegen werden die angereisten Islamisten detailliert befragt. Die insgesamt 606 Bögen hat nun das „Combating Terrorism Center (CTC)“ der Militärakademie West Point als „Sinjar Records“ ins Internet gestellt.

In einem Bogen berichtet ein saudischer Ex-Soldat, er sei 1980 geboren, über Jordanien und Syrien in den Irak gereist, dort am 3. Februar 2007 angekommen und wolle als „Kämpfer“ eingesetzt werden. Der Mann berichtet auch, Schleuser in Syrien hätten ihm 2000 Dollar abgenommen. In den Unterlagen finden sich mehrere Hinweise auf die Raffgier der syrischen, oft kriminellen Kontaktmänner von Al Qaida. Aber dies ist nur ein Detail einer Reihe von Erkenntnissen, die das US-Militär aus den Sinjar Records gewonnen hat. Das Material sei ein „verblüffender Beweis für den Al-Qaida-Import von Kriegern in den Irak“, heißt es in dem CTC-Dossier. Unter den 606 Dschihadisten im Alter von 15 bis 54 Jahren finden sich Studenten, Ärzte, Angestellte, Soldaten, auch ein Polizist ist dabei. Die größte Gruppe, 244 Islamisten, stammt aus Saudi-Arabien. Dahinter kommen, zum Erstaunen der Amerikaner, 112 Libyer. Vor Syrern, Jemeniten, Algeriern und anderen Arabern. Bei den Libyern fällt zudem auf, dass sich 85 Prozent als Selbstmordattentäter zur Verfügung stellen, lediglich 13 Prozent möchten nicht mehr als „Kämpfer“ sein. Bei den Saudis will nur die Hälfte unbedingt sterben.

Das vom Langzeitdiktator Muammar al Gaddafi regierte Libyen galt bislang weder als Hauptlieferant von Dschihadisten noch als übermäßig terrorgefährdet. Doch das Dossier stützt die Warnung von Sicherheitsexperten vor der wachsenden Gefahr, die von der militanten Szene in Libyen und Nordafrika insgesamt seit dem Zusammenschluss mehrerer Gruppen zu „Al Qaida im islamischen Maghreb“ ausgeht. Aber es entlarvt auch die Propagandalüge der irakischen Al-Qaida-Filiale, die sich „Islamischer Staat Irak“ nennt, sie sei von Einheimischen dominiert.

Nur auf einem Teil der Bögen ist die Reiseroute der Dschihadisten vermerkt. Als zentrale Anlaufstelle wird Syrien angegeben. Vier Tunesier – drei Studenten und ein Arzt – kamen über Deutschland und die Türkei in den Irak. Die Studenten wollten sich als „Märtyrer“ offenkundig bei Anschlägen opfern, der Arzt schrieb „Selbstmord“ in den Personalbogen. Die Sinjar Records beunruhigen das US-Militär. Weil die logistischen Fähigkeiten von Al Qaida außerhalb des Irak sichtbar werden – und wegen der Anziehungskraft, die der Kampf im Irak auf „tausende junge Männer weltweit“ ausübe, obwohl die Terrortruppe im Land an Boden verloren hat.

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