Die Linke : „Bisky und Gysi sind mir zu leise“

Sachsen-Anhalts Linke-Chef Wulf Gallert über Lafontaines Übermacht in der Linkspartei – und gefährdete Werte der PDS.

Ihr Parteifreund André Brie wünscht sich eine innerparteiliche Opposition gegen Oskar Lafontaine. Schließen Sie sich an?

Nein. Eine Opposition gegen Lafontaine würde nicht helfen. Brie und Lafontaine knallen vor allem deshalb aufeinander, weil sie in der Art ihrer politischen Auseinandersetzung sehr ähnlich sind. In der Konsequenz aber ist das unproduktiv. Lafontaine ist Mitglied dieser Partei, er ist es an herausragender Stelle. Er wird sich von seinen Positionen nicht substanziell abbringen lassen. Aber er darf eben nicht allein sein. Das Problem ist, dass andere zu leise sind. Lothar Bisky und Gregor Gysi kommen mir zu wenig vor.

Vielleicht weil sie an ihren politischen Ruhestand denken?

Mein Parteivorsitzender Bisky und mein Fraktionsvorsitzender Gysi, sie haben jetzt die Positionen und sie müssen jetzt aktiv werden. Um mit dem DDR-Kinderbuchautors Ottokar Domma zu sprechen: Hier geht es um ihre Rolle als Pioniere, nicht als Menschen.

Um was geht es inhaltlich?

Nehmen wir die Positionierung der Saar-Linken in der Familienpolitik …

… deren familienpolitische Sprecherin Christa Müller, Lafontaines Frau, warnt vor einem „Arbeitszwang für Mütter“ …

Sie vertritt ein konservatives Familienbild, das im Westen womöglich noch vorhanden ist. Werte, die wir im Osten seit 1990 erkämpft haben, werden aufs Spiel gesetzt, um im Westen auf Stimmenfang zu gehen. Das ist nicht zu akzeptieren.

Lafontaine hat die Äußerungen seiner Frau verteidigt, er spricht von notwendiger „Wahlfreiheit“ der Eltern.

Es wäre ja albern, wenn die Partei jetzt beschließt, was im Hause Lafontaine-Müller am Abendbrottisch beredet wird. Es geht nicht um eine Distanzierung Lafontaines von seiner Frau, es geht um die Positionierung der Partei insgesamt.

Die SPD unterscheidet inzwischen zwischen einer Linkspartei Ost und einer im Westen. Generalsekretär Hubertus Heil lobte sie neulich als „vernünftigen Menschen“. Was steckt dahinter?

Die SPD hatte sich mit der PDS in den neuen Ländern abgefunden, der Osten war ihr sowieso nie wirklich wichtig. Die Neuformierung und unser Westaufbau sind für sie nun ein riesiges Problem. Es wird den Sozialdemokraten nicht gelingen, einen Keil in unsere Reihen zu treiben. Wir haben überall Pragmatiker, im Westen nimmt ihr Anteil sogar zu. Bei unseren Neumitgliedern, die Jahrzehnte in der SPD ihre politische Heimat hatten, ist es ja nachvollziehbar, dass sie sich zu sehr über die Abgrenzung von anderen definieren. Für die Zukunft brauchen wir eigene Konzepte, die belegen, dass wir den gesellschaftlichen Wandel und auch die Globalisierung sozial gestalten können.

Die SPD in Sachsen-Anhalt hatte zur vergangenen Landtagswahl ein Bündnis mit der PDS ausgeschlossen. Hoffen Sie für 2011 auf Rot-Rot?

Ich fand es ja klasse, dass sich der Genosse Bullerjahn …

… SPD-Bundesvize und Magdeburger Finanzminister …

und der Genosse Heil kürzlich mit mir unterhalten und dann die Pragmatiker in unserer Partei gelobt haben. Aber noch steckt die SPD voller Widersprüche. Sie entscheidet die Frage von Bündnissen mit der Linken fast nur unter machtpolitischen statt unter inhaltlichen Aspekten. Der Auftrag unserer Wähler ist klar: Wir sollen unsere Angebote auch umsetzen. Deshalb müssen wir in die Regierung.

Das Gespräch führte Matthias Meisner.

Wulf Gallert (44) ist seit 2004 Chef der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt. In den 90ern hatte er das „Magdeburger Modell“ – die PDS-tolerierte SPD-Regierung – mit ausgehandelt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar