Politik : Die Linke hat seinen Abgang noch immer nicht verkraftet (Kommentar)

Stefan Reinecke

Vor einem Jahr ist Oskar Lafontaine als Finanzminister und SPD-Vorsitzender zurückgetreten. Ein Rücktritt mit Theaterdonner. Politik, so viel war damals klar, ist nicht bloß Verwaltung von Sachfragen - Politik kann Drama sein. Mit Lafontaine, dem Königsmörder von Mannheim, ist jene Figur aus der deutschen Politik verschwunden, die am ehesten in ein Shakespeare-Stück gepasst hätte. Mit seinem Abgang ist die deutsche Politik langweiliger geworden.

Dieser Rücktritt öffnete den Blick auf ein Desaster. Plötzlich sah man: Die SPD-Linke existiert nur noch in der Vergangenheitsform, als ein Reflex des Ökopazifismus der 80er Jahre. Lafontaine ging, Detlev von Larcher blieb.

Fehlt er heute? Als Parteivorsitzender, als Finanzminister? Wenn man die Tagespolitik anschaut: nein. Schröder, der ein ähnlich kaltes Verhältnis zur Partei hat wie Helmut Schmidt, ist es gelungen, sich mit der SPD zu versöhnen. Schröder, dem Schauspieler, ist es geglückt, gleichzeitig Kanzler zu sein und Parteivorsitzender zu werden. Und im Kabinett gibt es heute viel weniger Reibungsverluste als damals - als Schröder unter Lafontaine litt und vice versa. Diese Rivalität war nicht nur der Kampf zwischen einer eher neoliberalen und einer eher traditionell sozialdemokratischen Politik. Sie war viel profaner: das letzte Gefecht, das die bis an die Grenze der Selbstzerstörung streitlustigen "Enkel" noch austragen mussten.

Und doch fehlt etwas. Mit dem Wechsel von Lafontaine zu Eichel ist nicht nur politische Leidenschaft durch solides politisches Beamtentum ersetzt worden. Mit diesem Rücktritt ist auch ein realitätstaugliches Gegenkonzept zum neoliberalen Mainstream verschwunden. Lafontaine war, anders als seine Gegner behaupteten, kein verbohrter Keynesianer, der, koste, was es wolle, mit Staatsgeld die Wirtschaft ankurbeln wollte. Die Summe 30 Milliarden Mark, die sein Nachfolger Eichel einsparte, stammt von ihm. Lafontaine setzte, wie Jospin in Paris, auf einen "policy mix", auf eine Mischung aus Angebots- und Nachfragepolitik.

Anstößig wirkte dieses Konzept, weil es die Möglichkeiten von Reregulierungen einschloss - und zwar strukturell, und nicht nur, wenn es populistisch und unter dem Applaus der "Bild"-Zeitung mal eben einen Konzern zu retten gilt. Das ist in Zeiten, in denen der Rückzug des Staates Common Sense zu sein scheint, zu viel. Die aktuelle Schwäche der etatistischen Linken ist freilich nicht nur zeitgeistbedingt. Sie hat auch faktische Gründe. Die Verwandlung der Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft und das Verschwinden der alten Kollektivorganisationen zum Beispiel. Die realpolitische Nagelprobe, ob in Deutschland unter diesen Bedingungen linke Ideen eine Chance gehabt hätten, fiel aus, weil Lafontaine, der Postmaterialist, die Nase voll hatte.

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