Die Linke : Lafontaine: Der Dritte wird der Erste sein

Wie Lafontaine Die Linke auf ihrem ersten Parteitag begeistert, obwohl Gysi das erste Wort hat.

Sabine Beikler,Matthias Meisner

BerlinDer Gegensatz könnte nicht größer sein. Nach der eher nüchternen Abwicklung der PDS ist am Samstag alles inszeniert: Die Wand zwischen den Parteitagssälen ist über Nacht verschwunden, in den Saal strömen 800 Delegierte. Hell geschminkte, rot und weiß gekleidete Mitglieder des „Berliner Weißmimen-Ensembles“ schleppen Buchstaben auf die Bühne, aus denen der Schriftzug „Die Linke“ wird. Oskar Lafontaine klatscht enthusiastisch, Lothar Bisky schaut bedröppelt und Gregor Gysi schlurft müde vom Vortag zum Rednerpult.

„Eröffnen ist nicht mein Stil. Abends bin ich wacher“, beginnt Gysi. Und dann liest er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit vom Zettel lang und breit die Gästeliste ab. Sie beginnt mit der Awami- Liga aus Bangladesch, geht über die Revolutionäre Einheit Guatemalas und endet mit Akel, dem Zentralkomitee der Fortschrittspartei des werktätigen Volkes von Zypern. Gysi zählt auf und zählt auf – die vielen unbekannten linken Gruppierungen weltweit. Linke Solidarität, 50 Parteien, vier Kontinente. Normalerweise ist das ein ermüdendes Ritual, an diesem Morgen wird es zur Botschaft: Die Linke ist global, nun gehören auch wir dazu.

Auch wenn er der Parteispitze nicht angehören wird: Gysi hat zusammen mit Oskar Lafontaine die Vereinigung geschmiedet. Für ihn ist eine neue Linke in Deutschland auch ein Stück europäischer Normalität. „Der Zeitgeist bröselt, der neoliberale“, sagt er. Und nicht dass jemand auf die Idee kommen möge, dass Die Linke Verfassungsfeindliches im Schilde führen könnte. „Wir sind eine konsequente Friedenspartei“, räsoniert Gysi. Er wettert gegen Rüstungsexporte, spricht von Freiheit und Sozialismus. Darauf komme es schließlich an, sagt der linke Frontmann. Und er hat sichtlich Freude daran, gegen die FDP, deren Stuttgarter Parteitag von der Gründung Der Linken gestört wird, zu sticheln. „Ab heute sind wir die drittstärkste Partei.“ Das ist zwar eine nüchterne Feststellung, aber Gysi will damit die Delegierten Der Linken bewusst zum Selbstbewusstsein treiben. Noch am Abend zuvor war sein dringlichster Appell an die alten und neuen Mitglieder Der Linken: „Lasst uns Aufschwung ausstrahlen“.

Dass Lothar Bisky, der neue Parteichef Der Linken neben Lafontaine, nach Gysi redet, bringt dem Aufschwung einen radikalen Abbruch. Bisky ist kein begnadeter Redner, die Rhetorik funktioniert nicht – und es scheint dem 65-Jährigen auch egal zu sein, dass immer weniger Parteifreunde zuhören und das Murmeln im Publikum deutlich lauter wird. Bisky beißt sich durch sein Manuskript, er ist ein Traditionalist und so versteht er auch das Selbstverständnis der Partei. Er sagt dann Sätze wie: „Die neue und traditionsbewusste Linke ist die Partei, die konsequent an einer solidarischen, demokratischen und friedlichen Gesellschaft festhält.“ Und betont sie auch noch fast durchgängig falsch.

Besser hätte nicht demonstriert werden können, dass der dritte Redner auf diesem Vereinigungsparteitag der künftige erste Mann der Linken sein wird: Oskar Lafontaine. Nur wenige Minuten braucht er, um den Saal in Hochstimmung zu reden. An Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Willy Brandt soll sich Die neue Linke orientieren. George Bush und Tony Blair werden zu Terroristen, die lateinamerikanischen Staatschefs Hugo Chavez und Evo Morales mit ihrer Verstaatlichungspolitik zu Helden. Auf Gysi setzt er noch eines drauf: Es gehe nicht um „Freiheit und Sozialismus“, sondern um „Freiheit durch Sozialismus“. Der Saal tost vor Begeisterung.

Dass Lafontaine bei der Wahl zum Parteivorsitzenden ein glänzendes Ergebnis bekommt, daran besteht spätestens jetzt kein Zweifel mehr. Gysi hatte solche Bedenken ohnehin schon lange nicht mehr. Die Rede seines Ko-Fraktionschefs, die von den anderen so begeistert aufgenommen wird, verfolgt er nur mit halbem Ohr. Stattdessen korrigiert er für das Protokoll des letzten PDS-Parteitages das Manuskript seiner Schlussrede vom Vorabend.

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