Politik : Die Luftpiraten wollen jetzt 35 Gesinnungsgenossen freipressen

Am fünften Tag der Flugzeugentführung von Indien nach Afghanistan ist es zu den ersten direkten Verhandlungen mit den Luftpiraten gekommen. Die Kidnapper der entführten indischen Verkehrsmaschine verlangten die Freilassung von insgesamt 35 in Indien inhaftierten Moslem-Rebellen. Dies teilte der indische Außenminister Jaswant Singh am Dienstag in Neu Delhi mit. Zugleich fordern die Entführer vor einer Freilassung ihrer über 150 Geiseln die Zahlung von 200 Millionen Dollar (etwa 388 Millionen Mark) Lösegeld. Zunächst war nur die Rede davon gewesen, dass die Kidnapper den islamischen Geistlichen Maulana Masud Ashar und einige Gesinnungsgenossen aus indischer Haft freipressen wollen.

"Wir werden eine angemessene Antwort über unser Verhandlungsteam übermitteln", sagte der indische Außenminister nach einem Treffen mit dem Ministerrat. Wann die neuen Forderungen erhoben wurden, war zunächst nicht klar.

Einer der Entführer hat am Dienstag erstmals die Maschine verlassen. Ein AFP-Korrespondent berichtete, der maskierte und unbewaffnete Mann stehe in der Nähe des Flugzeugs auf der Rollbahn. Er war aus dem Flugzeug gekommen, als ein indischer Ingenieur damit begonnen hatte, den Treibstofftank in dem Flugzeug zu reparieren. Der Außenminister der afghanischen Taliban-Regierung, Wakil Ahmad Mutawakel, sagte, der Kidnapper stehe auf dem Rollfeld, um dadurch die Sicherheit des Ingenieurs zu garantieren.

Nach mehr als vier Tagen Geiselhaft durften einige der Geiseln am Dienstag erstmals das Flugzeug für kurze Zeit verlassen. Die Geiseln konnten sich auf der Rollbahn die Füße vertreten. Einige von ihnen wechselten die Kleidung, dann stiegen sie wieder in den Airbus. Dies teilte ein offizieller Vertreter auf dem Flughafen im südafghanischen Kandahar einer Nachrichtenagentur telefonisch mit. Währenddessen habe ein maskierter Geiselnehmer mit einer unbekannten Person kurz auf dem Rollfeld gesprochen. Danach betrat Flughafenpersonal die Maschine, um den Airbus zu reinigen.

Die hygienischen Bedingungen in dem gekaperten Airbus verschlechterten sich unterdessen zusehends. Mit der Abschaltung der Turbinen fallen auch Klimaanlage und Heizung aus; die Nachttemperaturen liegen in Kandahar derzeit um den Gefrierpunkt. Die Passagiere sind nach Angaben eines Sprechers des afghanischen Taliban-Regimes übermüdet und nervlich bis aufs Äußerste angespannt. Am Montag hatten die Luftpiraten mit der Entführung von Geiseln gedroht, falls ihre Forderungen nicht erfüllt werden.

Russland forderte am Dienstag die radikal-islamische Taliban-Bewegung in Afghanistan zur "aktiven Mithilfe" bei der Suche nach einer Lösung für die entführte indische Verkehrsmaschine und bei der Befreiung der Geiseln auf. Das erklärte in Moskau der Sprecher des russischen Außenministeriums, Wladimir Rachmanin. "Russland verurteilt diese verbrecherischen Aktionen bewaffneter Terroristen", sagte Rachmanin weiter. Gleichzeitig bestätigte er, dass Moskau bereits die Regierungen Pakistans, Irans und anderer Staaten um Mitwirkung bei der Befreiung der Geiseln gebeten habe.

Zwölf Europäer unter den Geiseln

In dem Airbus A300 der Indian Airlines sind neben hauptsächlich Indern und Nepalesen auch zur Zeit noch zwölf Geiseln aus Europa. Nach indischen, nepalesischen und Schweizer Angaben vom Dienstag handelt es sich um je vier Passagiere aus der Schweiz und Spanien, zwei aus Frankreich und je einen aus Italien und Belgien. Zu den nicht-europäischen Geiseln zählen ein US-Amerikaner, ein Kanadier, ein Australier und ein Japaner. Deutsche sind nicht an Bord.

Die Maschine war ursprünglich mit 178 Passagieren und elf Besatzungsmitgliedern in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu gestartet. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden bei einem Zwischenstopp am ersten Weihnachtstag 27 Passagiere, vor allem Frauen und Kinder, freigelassen. Außerdem wurde die Leiche eines von den Flugzeugentführern getöteten Inders übergeben. Nach der Landung in Kandahar in Südafghanistan ließen die Kidnapper am zweiten Weihnachtstag ferner einen zuckerkranken Inder frei. An Bord des Airbusses in Kandahar sind daher zur Zeit noch insgesamt 160 Menschen: 154 Geiseln und die sechs Flugzeugentführer. Diese sind nach indischen Angaben vier Pakistaner, ein Nepalese und ein Afghane.

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