Politik : Die Macht der Demoskopen

Experten streiten, ob Wahlprognosen das Wählerverhalten beeinflussen. In einigen Ländern sind Umfragen vor der Wahl verboten

NAME

Von Matthias Eggert

Vielleicht ist Gerhard Schröder sympathischer. Möglicherweise ist Edmund Stoiber kompetenter. Wer in die Zeitung guckt, findet fast jeden Tag einen neuen Umfragewert zur Bundestagswahl. Im Internet kann man sich an der Computer-Börse „wahlstreet.de“ beteiligen und mit fiktiven Aktien der Parteien spekulieren – auch so kommt eine Prognose zu Stande. So viele Zahlen, Prozente, Voraussagen gab es noch nie vor einer Bundestagswahl - mit Einfluss auf den Wähler?

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Augsburg, sagt: „Es gibt keinen empirischen Beleg dafür, dass Wahlprognosen oder Umfragen das Wählerverhalten beeinflussen.“ Dafür machen einige Politiker ziemlich viel Lärm. Es sei eine „unerträgliche Politik“, die das Meinungsforschungsinstitut „Forsa“ mache, sagte vor kurzem der CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer. Es hatte Schröder im TV-Kanzlerduell als den Sympathischeren ermittelt. Laurenz Meyer stelle Zahlen, die ihm nicht passen, als manipuliert dar, sagte daraufhin SPD-Generalsekretär Franz Müntefering.

Ob Union oder SPD in Umfragen vorne stünden, die meisten Wähler lasse das in ihrer Wahlentscheidung unbeeindruckt, glaubt Brettschneider. Zwar könne der so genannte „Mitläufereffekt“ oder der „Mitleidseffekt“ die Stimmabgabe beeinflussen. „Sie sind aber nicht nachgewiesen.“ Im ersten Fall wollen die Wähler auf der Siegerseite stehen und entscheiden sich für die in Umfragen führende Partei. Im zweiten Fall wenden sich die Wähler aus „Mitleid“ der Partei zu, die in den Prognosen hinten liegt.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass Wahlprognosen Einfluss auf einen relevanten Teil der Wähler haben“, sagt dagegen Hans Herbert von Arnim, Staatsrechtler und Parteienkritiker. Auch wenn er das nicht genau quantifizieren könne, „die praktische Vernunft“ müsse zu diesem Resultat kommen, sagt er. Es sei offensichtlich, dass Umfragen die letzten französischen Präsidentschaftswahlen beeinflusst hätten. Außerdem würden Wähler jene Parteien, die in Umfragen unter fünf Prozent gehandelt werden, seltener wählen, weil sie ihre Stimme nicht „verschenken“ wollen.

In Österreich hat man nach der Nationalratswahl 1999 eine Expertenkommission zu dieser Frage eingesetzt. Ein einheitliches Ergebnis ist dabei nicht herausgekommen. Das österreichische Marktforschungsinstitut „Fessel-Gfk“ hatte ermittelt, dass sich fünf Prozent der Wähler von Umfrageergebnissen „stark beeinflusst“ und 18 Prozent „beeinflusst“ gefühlt haben. „Eine subjektive Einschätzung der Befragten“, sagt Matthias Jung, einer der Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, „ist kein empirisches Ergebnis.“

In Griechenland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Portugal und Spanien sind Wahlprognosen zwei bis drei Wochen vor der Wahl verboten, in Frankreich in den beiden Tagen davor. Für Deutschland hatte zuletzt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) eine umfragefreie Zeit angeregt. „Ein solches Verbot könnte sicher zu einer Beruhigung einer gelegentlich sehr hektischen Atmosphäre beitragen“, sagte er.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben