Politik : Die Macht der Militanten

Arafat will die Waffenruhe nicht gefährden – und vertreibt Al-Aksa-Kämpfer daher nicht aus seinem Hauptquartier

Astrid Frefel[Kairo]

Einen Monat lang hat der einseitig ausgerufene Waffenstillstand der militanten Palästinensergruppen gehalten. Wie labil dieser Waffenstillstand, die so genannte „Hudna", und wie klein der Bewegungsspielraum der palästinensischen Regierung ist, hat am Wochenende eine Machtprobe zwischen Palästinenserpräsident Jassir Arafat und Mitgliedern der militanten Al-Aksa-Brigaden gezeigt.

Auf israelischen Druck und unter amerikanischer Vermittlung wollte Arafat 17 Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden, die sich seit den ersten Monaten der Intifada in seiner Residenz verschanzt hatten, nach Jericho in ein von der Autonomiebehörde kontrolliertes Gefängnis überstellen lassen. Zur Gruppe gehört auch Kamal Ghanam, ein von Israel gesuchter Führer der Brigaden. Die Reaktion blieb nicht aus. „Wir werden mit eiserner Faust zurückschlagen“, lautete die Drohung in einer Mitteilung. Die Al-Aksa-Zelle von Jenin kündigte neue Selbstmordattentate an.

Um den Waffenstillstand nicht zu gefährden, erlaubte daraufhin Arafat den Al-Aksa-Militanten, vorerst in seinem Hauptquartier zu bleiben und ihre Waffen zu behalten. Sie mussten sich aber verpflichten, nur zu ihren Familien Kontakte zu unterhalten und die Feuerpause strikt zu befolgen. US-Außenminister Colin Powell hatte vor wenigen Tagen ebenfalls angedeutet, dass die Entwaffnung der militanten Gruppen nicht um jeden Preis durchgesetzt werde.

Die Al-Aksa-Brigaden sind zwar lose mit Arafats Fatah-Bewegung verbunden, sie haben aber keine straffe Organisation. Vielmehr sind es die lokalen Führer, die das Sagen haben. So kommt es, dass die einzelnen Gruppen ganz unterschiedlich agieren. Auch die Al-Aksa-Brigaden haben sich dem dreimonatigen Waffenstillstand der islamistischen Hamas und Dschihad angeschlossen. Es kam aber auch zu kleineren Verletzungen der Waffenruhe durch lokale Zellen, die ihre eigene Politik verfolgen.

Mit der Verhaftung der Ghanam-Gruppe wollte Arafat zwei Ziele erreichen. Einmal erhoffte er sich, dass ihm Israel seine Bewegungsfreiheit zurückgibt. Seit 18 Monaten ist er ein Gefangener in seiner eigenen Residenz, die von der israelischen Armee Stück für Stück zerstört wurde, bis nur noch ein paar Zimmer übrig blieben. Israel erlaubt ihm zwar, das Hauptquartier zu verlassen, garantiert ihm aber nicht, dass er auch wieder zurückkehren kann. Außerdem hoffte der Palästinenserführer, dass nach einer Verhaftung der militanten Palästinenser die israelische Armee aus Ramallah abziehen würde. Israel hatte vorgeschlagen, sich weiter von Jericho zurückzuziehen. Die Palästinenser lehnten dies ab: Sie wollen die komplette Autonomie über das wirtschaftliche Zentrum des Westjordanlandes zurück.

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