Politik : Die Macht der Wurst

Antje Sirleschtov

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Kann man mit Bratwurstgeruch in der Nase richtig regieren? Und welchen Einfluss hat das Geheul von Schlachtenbummlern auf die soziale Ausgewogenheit von Parlamentsentscheidungen? Diesen Fragen hat sich lange Zeit niemand ernsthaft zugewandt. In tristem Grau lag das Berliner Regierungsviertel all die Wintermonate zwischen Linden und Tiergarten. Akustische Störungen des Bundespolitikbetriebes gab es einzig durch eisigen Sturm, der um die Ecken der gewaltigen Verwaltungsgebäude wehte. Und vielleicht durch Presslufthämmer, deren Dröhnen den Auf- und dann auch wieder den Abstieg von Hans Eichels Steuervergünstigungsabbaugesetz belärmte. Nun allerdings scheint wieder die Sonne ins Zentrum der deutschen Macht. Und nicht nur denen, die sich von Berufs wegen mit Gesetzestext-Bergen und Kompromissformeln herumzuschlagen haben, weht ein warmes Lüftchen um die Regierungsnase. Auch die Berliner nehmen wieder in Besitz, was sie ohnehin als das Ihrige betrachten, das sie allenfalls zu teilen bereit sind mit den Politikern aus ganz Deutschland. Schon jubelt und pfeift es auf dem Fußballplatz vor dem Reichstag, den landschaftsarchitekturstudierte Grünflächenamtsbeamte gern mit meterhohem Stacheldrahtzaun und monatelanger Festungshaft vor den zerstörerischen Stollen der Kicker schützen möchten. Und bald werden sie auch wieder ihre Wohn- und Esszimmer komplett hierher in den Tiergarten verlagern, die Grillwürstchen-Liebhaber. Und dann? Dann weht dem Reformkanzler schon morgens ein gerechtes Lüftchen um die Nase, und im Reichstag werden eventuelle Fehlentscheidungen sofort abgepfiffen. Ganz bestimmt.

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