Politik : Die Macht des Glaubens

Unter Saddam führte der Islam ein Schattendasein im Irak – heute wetteifern die Schiiten um mehr Einfluss

Susanne Fischer[Bagdad]

WOHIN STEUERT DER IRAK?

Doktor Manhel Schakarchi, Internist am Kadhimija-Krankenhaus in Bagdad, fühlte sich unangenehm an alte Zeiten erinnert. „Treten Sie der Partei bei“, forderten ihn Männer auf, die vor ein paar Tagen im Krankenhaus auftauchten, „wir sollten alle Mitglied sein!“ Die kamen nicht, wie unter Saddam Hussein, von der Baath-Partei, sondern von der islamischen Dawa. Unter Saddam war die Schiitenpartei verboten, ihre Mitglieder wurden verfolgt, Tausende bezahlten mit dem Leben. Unter ihrem Chef Ibrahim al Jafferi schickt sich Dawa an, zu einer machtvollen Bastion im neuen Irak zu werden.

Vor allem in den Ministerien für Gesundheit und Bildung soll die Dawa massiv Einfluss nehmen. „Wer nicht in der Partei ist, hat in unserem Haus praktisch keine Chance“, klagt ein Mitarbeiter; immer mehr Posten würden mit Parteimitgliedern besetzt. Doch beschränkt die Dawa ihren Einfluss nicht auf die Politik: An einer Universität stürmten Dawa-Leute kürzlich eine Party – die laute Musik sei „unislamisch“. Und in der parteieigenen Zeitung „Ad Dawa“ werden die US-Truppen aufgefordert „sich von uns fern zu halten, weil sie Wein vor den Augen unserer Frauen und Kinder trinken“.

Wer die Bedeutung des Islams im Irak erkunden will, findet ein widersprüchliches Bild. Im Alltag, im öffentlichen Leben spielt er bei weitem nicht dieselbe dominante Rolle wie sonst in der Region. Viele Iraker betrachten Religion als Privatsache und möchten, dass das auch so bleibt. Andererseits genießen die religiösen Führer im Moment mehr Ansehen als irgendein Politiker im Land. Die Bilder des Großajatollahs Sistani aus Nadschaf hängen überall. Der Handel mit Devotionalien blüht. „Jahrelang durften wir unsere Religion nicht frei ausüben“, sagt ein Medizinstudent, der auf einer Buchmesse an der Bagdader Universität gerade eine CD mit schiitischen Predigten erworben hat. „Jetzt kommt alles an die Oberfläche.“

Auf Großbildschirmen laufen Szenen aus Nadschaf, wo sich tausende Gläubige um die heiligen Stätten drängen, religiöser Gesang erfüllt den Saal, in dem eigentlich medizinische Bücher verkauft werden sollen. Stattdessen gibt es Werke wie „Das richtige Benehmen für Mädchen im Islam“. Bewacht wird die Messe von Männern der „Badr“-Brigaden, dem bewaffneten Arm des Obersten Rats für die Islamische Revolution im Irak (Sciri), der zweiten großen Schiitenpartei im Irak. Deren Chef, Abdelasis al Hakim, betont gerne, er strebe keine islamische Regierung an. Trotzdem nutzte er seinen Vorsitz im Regierungsrat, um das seit 1958 geltende, eher westliche Familienrecht zugunsten der Scharia auszuhebeln, die den Frauen etwa bei einer Scheidung weniger Rechte zugesteht.

Doch nicht allein die Schiiten drängen auf größeren Einfluss des Islams. Für das Grundgesetz, das als Übergangsverfassung bis zum 28. Februar verabschiedet werden soll, schlug der konservative Sunnit Mohsen Abdel Hamid, derzeit Vorsitzender des Regierungsrats, vor, den Islam zur alleinigen Rechtsgrundlage im Irak zu machen. Noch gilt sowohl für das Grundgesetz als auch für das von Hakim anvisierte neue Familienrecht das Wort von US-Verwalter Paul Bremer: „Nichts wird im Irak Gesetz, bevor ich es nicht unterzeichnet habe.“ Aber am 30. Juni will Bremer abziehen. Dann müssen die Iraker allein entscheiden, welche Rolle der Islam in ihrem Staat spielen soll.

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