Politik : Die Mauer in Celle: Die Fundamente rund um das Asylbewerberheim sind schon gegossen

Kerstin Kohlenberg

Diese Geschichte hat zwei Türen, eine Hinter- und eine Vordertür. Und je nachdem, durch welche Tür man sich der Geschichte nähert, hat sie andere Hauptdarsteller. Die Vordertür liegt direkt an der Bundesstraße 3. Rechts ist ein Gebrauchtwagenhändler, links ein Bahnübergang, gegenüber ein brachliegendes Gelände, das früher einmal Telefunken gehört hat. Aber seitdem das Werk geschlossen ist, ist hier nichts mehr los. Die Tür ist gut einzusehen, es stehen kaum Menschen davor, es ist ruhig. Und die Tür hat eine Klingel, obwohl sie eigentlich immer offen steht. Die Hintertür dagegen ist etwas verdreckt und belebt.

Wir sind in Celle, und die Münze entscheidet, sich der Geschichte zuerst über den Hintereingang zu nähern. Es ist der Hintereingang des ehemaligen Hauses Stech, das vor acht Jahren von einem leer stehenden Hotel in ein Asylbewerberheim umgewandelt wurde. Und um das jetzt, mit Zustimmung des gesamten Celler Stadtrates, eine Mauer gebaut werden soll. Denn am 17. Februar waren sich alle einig. Mit den Stimmen der CDU, der SPD, der konservativen Wählergemeinschaft, der Republikaner und der Grünen wurde der Mauerbau beschlossen, weil die Anwohner es so wollten. Die Fundamente sind schon gegossen. Zwei Meter fünfzig hoch würde die Mauer werden - und mit Stacheldraht oben drauf, wenn es nach der Betreiberfirma Olympic und den Anwohnern ginge. Einen Meter achtzig hat die Stadt genehmigt. Dazu einen Sicherheitsdienst, eine Eingangsschleuse und Ausweiskontrollen.

Zum Hintereingang gelangt man über die Hüttenstraße. Rechts stehen dreistöckige Häuser. Links gehen kleine Wege von der Straße ab, an denen sich Reihenhäuser drängen. Es sind Nachkriegsbauten, Eigenheime, denen man die Pflege ansieht. Es ist ruhig, fast friedlich. Der Rasen ist wegen des vielen Regens saftig grün. Dass er gemäht ist, versteht sich hier von selbst. Eine Frau zieht ihre Begleiterin an den Rand des Bürgersteigs, damit zwei Kinder auf Fahrrädern vorbei können. Jemand führt seinen Hund aus, ein anderer verstaut die Gartenschere im Gartenhäuschen. Es ist sechs Uhr abends, Feierabend in Celle. Noch sind es drei Reihenhausketten und eine Garagenanlage bis zum Asylbewerberheim.

Christa Hoffmann zieht die Tür ihres Gartenhäuschens zu. Sie hat helle, kurze Haare und ist um die 50. Ihr Gesicht sieht nach Sommerurlaub aus. Wandern am Strand, das würde zu ihr passen. Das Heim? Davon kriegt sie nichts mit, sagt sie. Sie hat auch keine Angst. Natürlich weiß sie, dass die Schwarzen im Heim dealen. Das weiß sie von ihrer Tochter, der hätten sie den Stoff auch schon mal angeboten. Ihre Tochter habe sich umgedreht und sei gegangen. Damit sei die Sache erledigt gewesen.

"Die langweilen sich zu Tode"

Die Bewohner des Hauses, das direkt an das Garagengrundstück grenzt, hatten die Idee mit der Mauer. Damals ging eine Unterschriftenliste durch die Straße. Nur zwei Familien, sagt Frau Hoffmann, hätten nicht unterschrieben. Das ist etwas seltsam, denn als in dem Heim noch mehr Familien wohnten, da habe sich keiner aufgeregt. Die Familien sind verlegt worden, übrig blieben die jungen Männer. Die Mauer werde nur gebaut, um die Anwohner zu beruhigen, sagt Christa Hoffmann. Denn gegen den Drogenhandel bringe das nichts. Die jungen Leute aus dem Heim müssten beschäftigt werden. "Und wenn sie die Straße kehren. Die langweilen sich da drin zu Tode."

Dass im Heim im großen Stil mit Drogen gehandelt wird, weiß auch Hannelore G. Ihren vollen Namen will sie nicht sagen, weil sie Angst hat, dass "die" dann kommen und ihr Haus anzünden. Sie hat gesehen, wie am Haus Stech Drogen gegen Kaffeemaschinen und andere Sachen getauscht wurden. Und oft, sagt sie, fahren dicke Schlitten aus Hamburg oder Hannover vor. Ein Kommen und Gehen sei das. Ihr selbst habe zwar noch keiner etwas getan, doch die Mauer findet sie gut. "Dann gucken dich nachts nicht mehr plötzlich zwei schwarze Augen an, wenn du dein Auto in die Garage fährst."

Noch einen Häuserblock und die Garagenanlage bis zum Wohnheim. Ein Auto fährt vor. Ein Mann steigt aus. Anfang 60, kurze Hosen, Bauch. Er geht auf das Garagentor zu und faucht ein Mädchen an, das aus dem Hintereingang des Asylbewerberheims kommt. Was sie auf dem Gelände verloren hat, will er von ihr wissen. Die jungen Männer vor dem Hintereingang rufen "Nazi" und lachen. Der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, wohnt im ersten Haus nach den Garagen. Er fühlt sich massiv von den Schwarzen bedroht, sagt er. "Massiv von den Schwarzen bedroht": Das klingt seltsam distanziert, vielleicht schützt ihn die Formulierung vor der eigenen Erregung. "Gucken sie sich nur mal an, wie die rumlaufen. In den besten Klamotten." Und dreckig sei es und laut. Deshalb wollen einige Leute aus seinem Block ausziehen. Sie kämpften schon so lange, und jetzt werde endlich diese Mauer gebaut. Damit keiner mehr durch die Büsche steigt. Damit Ruhe einkehrt. Wir stehen vor den Fundamenten der Mauer. Keinen Meter mehr vom Hintereingang entfernt. Zeit für die Vordertür.

Ein junger Mann steht davor. Verschränkte Arme, blaue Satin-Trainingshose, weißes Unterhemd, goldene Kette, schwarze, kurze Haare und dreieckige, Richtung Mundwinkel spitz zusammenlaufende Koteletten. Jung sieht er aus. Er ist 19, erzählt er später, und aus Syrien. Ein anderer junger Mann kommt auf einem Fahrrad angefahren. Die beiden stehen zusammen, reden. Zwei Mädchen gehen in das Haus. Maria und ihre Freundin. Sie wohnen im Schwesternwohnheim und machen eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Sie kommen ab und zu vorbei. Warum? Nur so, sagen sie, zu Besuch halt. Von der Mauer haben sie noch nie etwas gehört, auch nicht von den Jungs. Bei denen, die sie betrifft, scheint die Mauer kein Thema zu sein.

Der Koteletten-Mann nickt den Mädchen zu. Kennen gelernt hat er die beiden bei McDonalds. Wohnt er im Asylbwerberheim? Nein, er sei auch nur zu Besuch hier. Kennt er hier jemanden? Ja, da hinten, die Afrikaner. Etwas widerwillig geht er über den zertrampelten Grünstreifen in Richtung Hintereingang. Vor den Vordereingang stellt sich sofort der Fahrrad-Mann. Hinter dem Haus stehen sechs Schwarzafrikaner und legen Fleischstücke auf einen Grill. Es riecht nach Gartenfest. Der Boden zeigt vereinzelt Grasnarben. Der Rest ist Erde. Von der Häuserwand bis zu den angrenzenden Garagen sind es zehn Meter. Einige Jungs spielen mit einem Fotoapparat. Die anderen spielen Fußball mit einem Basketball. Ab und zu klingelt ein Handy.

315 Mark in Gutscheinen bekommen sie, 80 Mark in bar. So will es das Asylbewerberleistungsgesetz. Abdul erzählt, dass er aus Sierra Leone kommt. Sein Vater sei Politiker gewesen, den man samt Haus und Frau in die Luft gejagt habe. Nur Abdul hat überlebt. Seine Oma riet ihm, nach Deutschland zu gehen, um dort Asyl zu beantragen. Weil aber seine Papiere verbrannt seien, sei er illegal auf einem Frachtschiff nach Deutschland gekommen. Seitdem wartet er, seit knapp drei Jahren. Tupac kommt vom Grill herüber. "Wir sind doch alles Menschen", sagt er. "Ich brauche Kleidung, ich will tanzen gehen, Mädchen kennen lernen. Dafür brauche ich Geld. Aber wir haben keine Chance, zu arbeiten oder zur Schule zu gehen. Da musst du Scheiße bauen. Musst klauen oder Drogen verkaufen."

Asylbewerber sollen sich nicht wohl fühlen. So will es das Gesetz. Jedenfalls soll keiner nur zum Wohlfühlen nach Deutschland kommen, sondern aus Not. Politischer, ethnischer, religiöser Not. Integration fängt erst danach an. Wenn dem Bewerber Asyl zugestanden wird. Das aber passiert nur in drei Prozent der Fälle. Dann darf er arbeiten, darf Deutschkurse besuchen, darf sich wohl fühlen. Das Haus Stech ist kein Haus zum Wohlfühlen. Die Gänge sind dunkel und mit grüner, abwaschbarer Farbe gestrichen. Die Küche ist verdreckt, die zwei Herde sind fast schwarz. Und auch die Klos sind nicht besser. Warum putzen sie sie nicht? Der Koteletten-Mann lacht und zeigt, statt zu antworten, ein Foto von zu Hause. Natürlich wohnt er doch im Haus Stech. Auf dem Foto steht er in kurdischer Tracht zu Hause bei seinen Eltern vor einem Hometrainer. Warum er nach Deutschland gekommen ist? Er sei Kurde und habe in Syrien Probleme mit den Arabern gehabt. Das Handy klingelt, und weg ist er.

"Da tauchten finstere Gestalten auf"

47 Menschen leben zur Zeit im Haus Stech. 25 sind noch im Asyl-Verfahren, der Rest wurde abgelehnt. Die Stadtverwaltung kann sie nicht abschieben, weil sie keine Papiere haben und in ihren angegebenen Heimatländern unbekannt sind. Drei bis fünf Jahre dauert in der Regel ein Asyl-Verfahren. Zeit, in der die Hoffnung sinkt. Zeit, in der man sich an die Illegalität gewöhnen kann. Zwei Familien leben noch im Heim, der Rest sind Jungs zwischen 19 und 25 Jahren. Machos, Halbstarke, die gerne provozieren und die sich nicht gerne etwas sagen lassen. Aber es ist auch keiner da, der ihnen etwas sagt. Die Sozialarbeiterstelle ist vor zwei Jahren halbiert worden. Die Hausmeister haben regelmäßig das Handtuch geworfen. Zum Schluss ist die Stelle einfach nicht mehr besetzt worden.

Hat die Stadt ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt? Hat sie sowohl den Hinter- als auch den Vordereingang aus den Augen verloren? Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Bernd Zobel, räumt ein, dass etwas schief gelaufen ist. "Wir hätten das Haus in den letzten Jahren besser beobachten müssen." Aber wenn etwas nicht in den Schlagzeilen stehe, vergesse man es gerne. Die Mauer erschien ihnen in der verfahrenen Situation als die sinnvollste Lösung. Und auch der Sicherheitsdienst, damit endlich mal wieder klar werde, wer in diesem Haus lebe. Aber wichtig sei, dass es zusätzlich ein Betreuungskonzept gebe, sagt Zobel. Einen weiteren Sozialarbeiter. "Ich muss ehrlich gestehen, wir haben den Symbolwert der Mauer unterschätzt."

Anfang des Jahres, als das Haus Stech immer mehr zu einer Art rechtsfreien Zone zu werden drohte, als die Polizei zwar immer häufiger vorfuhr, oft aber nichts ausrichten konnte, da machten die Nachbarn Druck, und die "Cellesche Zeitung" veröffentlichte eine Sonderseite zu dem Thema. Darauf wurden die Anwohner für ihre Geduld mit dem kriminellen Nachbarn gelobt, der Stadt wurde Versagen vorgeworfen. Sigrid Maier-Knapp-Herbst, die zuständige Sozialstadträtin, kann die Anwohner gut verstehen. Aber ein Versagen der Stadt Celle kann sie nicht sehen. Sie habe sich mit den Vorgaben der Bundesregierung zu arrangieren, und seit dem die vor zwei Jahren die Gelder für Asylbewerber von 18 Mark pro Tag auf 13 gesenkt hätten, blieben ihr noch 7200 Mark im Jahr für jeden Bewerber. 3500 Mark gingen allein für Unterkunft drauf. Damals habe sie einer Kürzung der Sozialarbeiterstelle im Haus Stech zugestimmt. Die Stadträtin spricht von den Ängsten der Anwohner und von ihrer eigenen Angst, dagegen machtlos zu sein. Die Politik müsse zeigen, dass sie handlungsfähig sei. Mit der Mauer zeigt sie das. Bevor man Mauern in den Köpfen baut, sagt die Stadträtin, soll man sie lieber um das Heim bauen und dadurch die Situation befrieden. Aber führt die Mauer um das Heim nicht unweigerlich zu einer Mauer in den Köpfen?

Am 4. August wird Oberstadtdirektor Martin Biermann in der "Celleschen Zeitung" zitiert: "Kurz nach 21 Uhr hielt ich mit meinem Wagen in direkter Nähe des Hauses, da tauchten plötzlich finstere Gestalten auf, die sich eindeutig abwehrend meinem Auto näherten - so schnell habe ich noch nie den Rückwärtsgang gefunden." Im Dunkeln sind fast alle Menschen "finstere Gestalten". Angst kann real sein, sie kann aber auch geschürt werden.

Die Mauer wird gebaut. Ein Zurück scheint es nicht mehr zu geben. Sigrid Maier-Knapp-Herbst will es so. Dennoch fühlt sie sich in einem Dilemma, für das es keine gerechte Lösung gibt. Es ärgert sie nur, dass die Mauer nicht schon im März gebaut wurde, "als das Sommerthema Rechtsradikalismus noch nicht auf dem Tisch war. Dann hätte sich keiner an der Mauer gestört." Was hätte sie anderes tun sollen, fragt die Stadträtin? Einen Zaun zu ziehen, anstatt eine Mauer zu bauen? "Dann hätten die Leute nicht Getto, sondern KZ geschrien."

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