Politik : Die Medien haben kein Erbarmen mit Renate Wallert

Tanja Stelzer

Im Journalismus gibt es ein paar unumstößliche Gesetze. Eines davon lautet: Ohne Bilder keine Geschichte. Dürften nicht regelmäßig Journalisten das Leiden der Geiseln auf den Philippinen fotografieren und filmen, wäre uns allen das Schicksal der Göttinger Familie Wallert und der anderen Gefangenen nicht so nah. Heute, am 18. Tag der Entführung, wäre in den Zeitungen vielleicht eine versteckte Meldung darüber zu lesen, dass die Zukunft der Geiseln weiterhin ungewiss ist. So aber sind prominent platzierte Bilder zu sehen von der kranken Renate Wallert und detaillierte Informationen zu lesen über ihren Blutdruck und ihre Pulsfrequenz. Wie gestern schon und vorgestern und vorvorgestern.

Das ist gut, und gleichzeitig ist es schlecht, zum Teil sogar ekelhaft. Gut ist, dass diese Bilder Druck auf die Politiker ausüben, alles zu tun, um den Geiseln zu helfen. Gut ist, dass die philippinischen Militärs wissen: Wenn sie das Camp der Entführer stürmen, schaut ihnen die Welt dabei zu.

Schlecht ist, dass die Medien, indem sie die Bilder verbreiten, den Geiselnehmern ein Forum bieten. Damit werden sie zu Handelnden, zu Handlangern sogar - auch der Tagesspiegel. Was sollten sie aber anderes tun? Schweigen wäre ebenso eine Beeinflussung. Den Medien bleibt nichts anderes übrig als ihre Arbeit zu tun - zu berichten. Sie können jedoch entscheiden, wie sie das tun.

Die "Bild"-Zeitung zum Beispiel druckt Fotos in Nahaufnahme von der völlig entkräfteten Renate Wallert. Mal schließt "Dschungel-Geisel Frau Wallert" die Augen aus Erschöpfung, mal reißt sie sie weit auf aus Angst. Zu einem dieser Fotos titelte "Bild" am Dienstag: "Habt Erbarmen!" Im Fernsehen können wir jeden Tag, zur selben Sendezeit, zu der auf RTL 2 "Big Brother" ausgestrahlt wird, beobachten, wie sich das Verhältnis der Geiseln zueinander und das zwischen Entführern und Entführten entwickelt. Wir können sehen, wenn die Libanesin Marie Michel Moarbes mit Marc Wallert Händchen hält. Extreme Gefühle, rangezoomt. Das ist die Steigerung von "Big Brother": Auf Jolo entscheidet nicht der Fernsehproduzent, welcher Teil aus dem Leben der Kandidaten am Abend Allgemeingut der Fernsehzuschauer wird, auf Jolo entscheiden die Entführer. Und die Zuschauer können Wetten darauf abschließen, wen die Geiselnehmer als ersten köpfen.

In der Aufgeregtheit dieser Tage wird leicht vergessen, dass die Wallerts einen zweiten Sohn haben, der von Göttingen aus das Leiden seiner Familie verfolgt. Die Medien sollten ihn nicht damit quälen, dass sie seiner Mutter die Würde noch einmal rauben, die ihr die Entführer ohnehin schon geraubt haben. Es gibt wohl wenig Intimeres als ein Gesicht, in dem sich die Angst vor dem Tod spiegelt. Die "Bild"-Zeitung fordert die Geiselnehmer auf, Erbarmen mit Renate Wallert zu haben. Vor allem sollten die Medien Erbarmen haben mit Renate Wallert.

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