Die moderne Selbstfotografie : Wer Selfies verbreitet, ist mutig oder doof oder beides?

Gegen das Selfie spricht unverändert wenig. Es ist zutiefst menschlich, ein Alltagsgut, menschlich und genial. Eine Verteidigung der modernen Selbstfotografie.

von
Oscar-Verleihung 2014: Selfisten bei der Arbeit.
Oscar-Verleihung 2014: Selfisten bei der Arbeit.Foto: Youtube

Wer hat’s erfunden? John Barkusky, passionierter Städtereisender aus dem US-Bundesstaat Wisconsin. Der Amerikaner war die ewigen Nachfragen leid, ob er das wirklich auf den Posts sei, die ihn vor Denkmälern, Wahrzeichen und mit Prominenten zeigen. Also erfand der 34-Jährige die „Doppel-Selfie-Stange“. Barkusky montierte dafür neben seinem gewohnten Stick im 90-Grad-Winkel eine zweite Stange, auf der ein zweites Handy sitzt. Fotografiert Barkusky via App über das erste Handy Barkusky, wie er vor einem Monument der Zeitgeschichte steht, wird auch das zweite Handy ausgelöst. Barkusky wird fotografiert, wie sich Barkusky fotografiert. Der Doublecheck ist der ultimative Beweis: Barkusky was here. Die Nachricht von der Erfindung der „Double-Selfie-Stange“ hat der „Postillon“ verbreitet. Gerade noch rechtzeitig, denn Urlaubszeit ist Selfie-Zeit.

Die Nachricht ist so schlüssig, dass sie wahr sein könnte. Welcher Selfie-Schütze wartet nicht darauf, endlich und ein für alle Mal vom Fake-Verdacht befreit zu werden? Dringend notwendig, weil die Shots von sich selbst genau mit dieser Absicht gemacht wurden: Ich bin hier, ich bin da, ich bin von dieser Welt. Und ich bin ich.

Das Selfie für die Eigen-PR kennt seine hässliche Kehrseite

Selfies stehen unter Selfies-Verdacht, heißt, sie nerven. Selbst wenn die Gefahr gering geworden ist, dass sich irgendeiner zwischen Objektiv und Objekt drängt, so ist jeder geeignete Selfie-Standort immer schon vergeben. Es wird nicht ein, es werden nicht zwei Selfies geschossen, es sind Dutzende. Auch bei dieser neuen Fototechnik ist die Panik ja die alte: Sehe ich gut oder sehe ich sch… aus? Mehr denn je rückt der Auslöser in den Beurteilungsfokus: unschöne Perspektiven, verzerrte Proportionen, natürlich die weniger vorteilhafte Gesichtshälfte. Die Sonne stand falsch, der Blitz war nicht aktiviert, gewackelt wurde, und wem eigentlich gehört der dicke Daumen da am Bildrand? Nachbearbeitung kann helfen, doch selten retten, was nicht mehr zu retten war. Da wird das Selfie zum Fahndungsmotiv.

Selfies nerven also. Das haben die Aber- und Abermillionen der Egoshooter wohl nicht begriffen. Für sie ist das Selbstporträt ein Beleg für, ein Beweis von Existenz. Ein Foto-Quickie als Selbstbefriedigung, Fun, Spaß, Party, Hintergrund sind wurstegal, der Vordergrund dominiert, regiert, superlativiert. Selfies sind ein willkommenes Instrument der Imagebildung, für die Guten wie für die Bösen. Die Prominenten nutzen die Fototechnik zur Dokumentation ihres mehr oder weniger spannenden Lebens, sie steuern ihr Bild in der Öffentlichkeit; zugleich wird der Versuch unternommen, ein mehr inszeniertes Leben mit dem Stempel der Authentizität zu versehen. Da gelingen besondere Momente. Das bisher wohl am häufigsten retweetete Selfie aller Zeiten stammt von der Schauspielerin Ellen DeGeneres, das sie mit Meryl Streep, Julia Roberts, Angelina Jolie, Brad Pitt, Kevin Spacey und anderen Hollywoodgrößen bei der Oscar-Verleihung 2014 zeigt. Alles nur Poser, alles nur Posing? Das Motiv wirkt wie ein Durchbruch der sonst durchorchestrierten Feier, zeigt einfach nur (prominente) Leute, die erkennbar und ehrlich gute Laune haben. Und natürlich passt sich das Motiv in den Motivstrom ein: Ich/Wir bin/sind schon wieder oder noch immer gut drauf – und ihr, die Betrachter, was seid ihr?

Angela Merkel auf Schulbesuch in Neukölln
Mit dabei war auch Neuköllns neue Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (links). Aber fürs Selfie scharten sich alle um die Kanzlerin.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Reuters/Maurizio Gambarini
12.05.2015 18:42Mit dabei war auch Neuköllns neue Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (links). Aber fürs Selfie scharten sich alle um die...

Das Selfie für die Eigen-PR kennt seine hässliche Kehrseite. Als der mutmaßliche Islamist nahe Lyon seinen Chef enthauptet hatte, machte er ein Selfie: der Mörder groß, klein der Kopf des Ermordeten. Grausiges Bekenntnis, ein Bildmotiv als Bildvotiv, ein Zeugnis und die immanente Aufforderung, es ihm gleich zu tun. Der Selfist kann ein Salafist sein.

Selfies kennen zahlreiche Spielarten: Sex-Selfies (der Weg ins Schlafzimmer war so weit ja nicht), Uglies (Zunge raus ist da noch harmlos), Nudies (vom erotischen Spiel bis zum Exhibitionismus), Belfies (alles vom Arschgeweih an abwärts), Drelfies (der Shooter ist betrunken), jetzt auch in der längeren, bewegten Version über Beme, über Periscope und Meerkat. Immer steht ein Mensch, respektive sein Ego im Zentrum.

Da ist die Kritik nur einen Klick entfernt. Selfism, Selbstbezogenheit, Selbstbefriedigung. Frank Patalong hat die Kritik bei „Spiegel online“ formuliert: Das Selfie „ist Ausdruck eines Wandels der Selbst- und Weltwahrnehmung“. Denn es verändere ja auch das Erleben der Welt, weil die vom Objekt der Aufmerksamkeit zur bloßen Kulisse werde. Der Selfie-Fotograf wähle Position und Perspektive danach aus, wie sie zur Selbstdarstellung taugen würden. Patalongs Verdikt: „Das Selfie trivialisiert damit alles: den Moment, das Gefühl, den Ort.“

Blogger Sascha Lobo haut in dieselbe Kerbe: „Selfieness ist nicht bloß eine Mode, sondern Diktat einer digitalen Gesellschaft.“ Und just diese Gesellschaft ist dem Irrtum verfallen, sie könne ihre digitale Selbstdarstellung unter Kontrolle halten. Und die NSA, die Auswertungsradikalen all der sozialen Medien-Multis, der Datenräuber zu eigenem Frommen und Nutzen? Lobo treibt die Skepsis in seiner Kolumne für „Spiegel online“ fort: „Selfieness führt zur Erschaffung eines digitalen Medienselbst, das fast alles aussagt, wenn man es zu lesen weiß.“

Ach ja, und Frauen, die bestmögliche Selfies von sich machen, reduzieren sich auf ihren Körper, was den Aufstieg einer neuen Pornokultur bedeuten kann, warnt die Soziologin und Gender-Forscherin Gail Dines. Die Grenzen zwischen privat und öffentlich sind auch technisch derart porös geworden, dass ein Selfie schnell den gewollten Adressatenkreis überspringen und in den öffentlichen Sektor gelangen kann. Das kann peinlich, unangenehm, ja gefährlich werden.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben