Politik : „Die Musik spielt woanders“

Afrikaexperte Mehler über den G-8-Gipfel

Afrika wird ein wichtiges Thema beim G-8-Gipfel. Was sollten die führenden Industriestaaten für den Kontinent tun?

Es ist ein positives Signal, dass die deutsche G-8-Präsidentschaft Afrika zu einem Schwerpunkt des Gipfels erklärt hat. Damit wird deutlich: Afrika steht auf der internationalen Agenda und wird nicht vergessen. Mehr als Absichtserklärungen kann man von den G-8-Staaten allerdings nicht erwarten, denn die eigentliche Musik spielt woanders, bei der Welthandelsorganisation oder den UN. Hier werden völlig falsche Erwartungen geweckt – von beiden Seiten, den Industrie- wie den Entwicklungsländern.

Mit konkreten Ergebnissen rechnen Sie nicht?

Der Gipfel in Heiligendamm kann durchaus ein Forum für konstruktive Gespräche sein. Bei Themen wie der Zuwanderung etwa wäre es sinnvoll, gemeinsam mit den Afrikanern über die Migrationsursachen zu debattieren, statt einfach nur auf Abschottung zu setzen. Auch die Klimapolitik bietet Raum für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Gerade in Afrika gibt es ein großes Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energien. Hier könnten die Industriestaaten mit konkreten Zusagen helfen.

Nach Heiligendamm sind Afrikas Hoffnungsträger geladen. Einige von ihnen sind zuletzt allerdings durch Negativschlagzeilen aufgefallen – die Wahl in Nigeria etwa war eine Farce. Sollte dies nicht auch thematisiert werden?

Die Entwicklung in Nigeria ist enttäuschend. Das bevölkerungsreichste Land des Kontinents leistet sich die schlechtesten Wahlen und keiner reagiert. Wer in Afrika etwas verändern möchte, kann leicht zu dem Schluss gelangen, dass es mit der Waffe in der Hand leichter ist als durch friedliche Oppositionsarbeit. Hinzu kommt, dass im Fall eines Bürgerkriegs zu sehr der billigen Diplomatie gefrönt wird. Man gibt sich mit schnellen Friedensschlüssen zufrieden, bei denen die Macht unter den Krieg führenden Parteien aufgeteilt wird, ohne den Konfliktursachen auf den Grund zu gehen. Für Nigeria gilt: Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, Defizite anzusprechen statt zu warten, bis Konflikte eskalieren.

Angela Merkel will bei ihren G-8-Partnern auch für Investitionen in Afrika werben. Kann das gelingen?

Afrika hat seit einigen Jahren gute Wachstumsraten vorzuweisen, und die Voraussetzungen für einen weiteren Aufschwung sind gut. Besonders mit Rohstoffen wie Erdöl oder Eisenerzen sind auf den Weltmärkten derzeit hohe Renditen zu erzielen. Das macht Afrika für private Investoren interessant. Wenn solche Investitionen die Entwicklung fördern sollen, kommt es allerdings darauf an, dass bestimmte Standards erfüllt werden – Umweltstandards, Menschenrechtsstandards, Transparenz der Kapitalflüsse.

Genau diese Standards vermissen die Industriestaaten bei einem neuen Akteur auf dem afrikanischen Kontinent: China.

Heiligendamm bietet die Gelegenheit, nicht nur über China, sondern mit China über seine Afrikapolitik zu sprechen. Ich glaube, dass sich Peking seiner wachsenden globalen Verantwortung durchaus bewusst ist. Konkrete Ansatzpunkte sehe ich beim Umweltschutz oder der Friedenspolitik, denn auch China hat ein Interesse daran, dass seine Investitionen langfristig Früchte tragen. Bei den Themen Demokratie und Menschenrechte dürfte es dagegen schwer werden, sich auf gemeinsame Standards zu einigen.

Kann der Westen auch von China lernen?

Wir müssen uns in der Tat die Frage gefallen lassen, ob unsere Angebote für die Afrikaner noch attraktiv klingen. Wenn der Westen Armutsbekämpfung propagiert, hört sich das mehr nach Verwalten denn nach Fortschritt an. China dagegen wirbt mit Visionen, das spricht besonders die jungen Eliten in Afrika an.

Das Interview führte Ulrike Scheffer.

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