• Die Nachrichtenagenturen aus aller Welt meldeten nach Mitternacht die Öffnung der Grenze - nur ADN schwieg

Politik : Die Nachrichtenagenturen aus aller Welt meldeten nach Mitternacht die Öffnung der Grenze - nur ADN schwieg

Claus-Dieter Steyer

Die Übergabe der Spät- zur Nachtschicht in der Zentrale des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes ADN geschah auch am 9. November 1989 so routiniert wie immer. Kaum etwas deutete kurz nach 22 Uhr im Großraum in der Mollstraße 1 auf das besondere Ereignis der kommenden Stunden hin. Vielleicht waren die Kollegen in der Redaktion Innenpolitik zu dieser Stunde unruhiger als sonst. Es schien jedenfalls so. "Morgen läuft ein großes Ding über den Ticker", sagte ein Kollege vom Nachbartisch. "Eine neue Reiseregelung."

Seine Worte klangen etwas ironisch. Seit fast einem Monat befand sich der DDR-Journalismus in seiner vielleicht besten Phase überhaupt. Wie von einer großen Last befreit, wurden lebendige Enthüllungsstorys der besten Art über das Leben in der kleinen Republik geschrieben. Offizielle Verlautbarungen stießen plötzlich zuerst auf Skepsis. Ich selbst war kurze Zeit zuvor von einem längeren Aufenthalt in der Sowjetunion zurückgekehrt, wo die Unterschiede zur DDR-Presse schon lange gravierend waren: Ehrlichkeit, Mut und erstaunliche Unabhängigkeit dort, Obrigkeitsduselei hier.

Doch es gehört wohl zu den besonderen Umständen dieser Zeit, dass man selbst im 2000 Kilometer entfernten Moskau besser über die Zustände in der DDR Bescheid wusste, als die Kollegen in der Berliner Zentrale. West-Zeitungen und vor allem die Gespräche mit Kollegen des Westdeutschen Rundfunks und des ZDF nach Pressekonferenzen im Moskauer Außenministerium öffneten buchstäblich den Horizont. Das sollte sich in dieser Nacht auszahlen.

Für den sonst üblichen Plausch mit den jungen Damen der Fernschreiberabteilung oder mit der eigens für die Presseschau Moskauer Zeitungen eingesetzten Russisch-Dolmetscherin sollte in der Nacht vom 9. zum 10. November nur wenig Zeit blieben. Die Agenturen dpa und AP meldeten "ungewöhnliche Menschenbewegungen an den Übergängen in Ost-Berlin". Da diese Nachrichten allerdings nicht als Eilmeldungen auf dem Bildschirm blinkten und die eigentliche Sensation gar nicht erkannt wurde, landeten die ausgedruckten Nachrichten zunächst auf einem der vielen Stapel des Schreibtisches. Vorsichtshalber rief ich jedoch den stellvertretenden ADN-Generaldirektor an, der in dieser Nacht auf der Liste des Bereitschaftsdienstes stand. Er belehrte mich: Wie könnte ich ihn wegen solcher Meldungen wecken.

Doch die Ereignisse an der Mauer überschlugen sich. Der SFB sendete live unfassbare Bilder vom Übergang Bornholmer Straße. Allen Weisungen zum Trotz rief ich erneut beim Genossen Stellvertretenden Generaldirektor an. Er solle doch selbst den SFB einschalten und sich ein Bild machen, sagte ich. Tatsächlich versprach er einen baldigen Rückruf. Die Nachrichtenagenturen aus aller Welt meldeten nach Mitternacht die Öffnung der Grenze. Nur ADN schwieg. Nach zehn Minuten klingelte es. "Ich habe mit dem ZK-Genossen gesprochen. Es ist ganz und gar unmöglich, dass die Grenze offen ist", sagte Genosse W. "Die neue Reiseregelung wird doch erst im Laufe des nächsten Tages veröffentlicht. Wieso sollten denn da die Menschen einfach in den Westen gehen können? Also beruhigen Sie sich."

Der dritte Anruf beim Chef musste deshalb wohl überlegt sein: In aller Schnelle wurden drei Sätze über die Vorgänge formuliert. Im Vordergrund stand natürlich das Positive. 20 Minuten vergingen, und dann gab es tatächlich das Okay. ADN meldete knapp, dass mehrere hundert Menschen aus der DDR-Hauptstadt heute Nacht Grenzübergangsstellen nach Berlin (West) ungehindert passiert hätten. Der Dank an das besonnene Verhalten fehlte nicht. Übersichtsseite zum 10. Jahrestag des Mauerfalls

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