Politik : Die Nahost-Krise: Libanon warnt vor "allgemeiner Konfrontation"

Charles A. Landsmann

Erstmals seit 20 Jahren hat Israel eine syrische Stellung in Libanon zerstört - dies nicht nur als Vergeltung für einen Anschlag der schiitischen Hisbollah, sondern als auch Warnung an Damaskus, dass "die Spielregeln geändert" worden sind.

Israel hat Syrien militärisch und Libanon politisch vollkommen überrascht: In der Nacht auf Montag zerstörte die israelische Luftwaffe eine syrische Radarstellung bei Dahr el Baider östlich von Beirut nahe der strategischen Überlandstraße nach Damaskus. Dabei wurden nach libanesischen Angaben ein syrischer Offizier und zwei Soldaten getötet und sechs weitere verwundet. Das von Ministerpräsident Ariel Scharon kurz zuvor zu einer Sondersitzung einberufene Sicherheitskabinett hatte mit elf Stimmen gegen die Stimmen von Außenminister Schimon Peres und Verkehrsminister Ephraim Sneh einen entsprechenden Beschluss gefasst.

Laut Verteidigungsminister Binjamin Ben-Eliezer kommen der Kabinettsbeschluss und der Luftangriff einer "Änderung der Spielregeln" gleich und sollen klarmachen, dass "für jeden Anschlag ein Preis gezahlt werden muss". Am Samstag hatte die schiitische Hisbollah bei der von ihr für den Libanon eingeforderten Shaba-Farm an den Abhängen des Hermongebirges einen israelischen Schützenpanzer beschossen und dabei einen Soldaten getötet. Seit dem israelischen Abzug aus Südlibanon vor weniger als einem Jahr sind in der gleichen Gegend insgesamt drei Soldaten getötet und drei weitere von Hisbollah entführt worden, die außerdem mehrere grenzüberschreitenden Attacken ausführte.

Seit dem Libanonkrieg 1982, als Scharon noch als Verteidigungsminister die Konfrontation mit den dortigen syrischen Truppen suchte und alle deren Radar- und Luftabwehrstellungen zerstören ließ, hatte Israels Luftwaffe nur noch einmal, 1996 im Rahmen eines Vergeltungsschlages gegen Ziele in Libanon, auch syrische Stellungen attackiert - ausdrücklich als Nebenziele.

Die schiitische Hisbollah ist vollständig von Iran abhängig: Teheran gibt die militärischen Richtlinien vor und liefert alle Waffen und Munition - über Syrien und von syrischen Truppen kontrolliertes Territorium in Osten und Süden des Libanon. Wenn Damaskus nur wollte, könnte es, so die israelische Argumentation, jederzeit den Nachschub unterbinden und mit seinen Truppen die Hisbollah an Angriffen auf Israel hindern. Insgesamt sind in Libanon 35 000 syrische Soldaten stationiert, und auch mit ihnen beherrscht Damaskus das westliche Nachbarland in jeder Beziehung. Israel macht Syrien auch dafür verantwortlich, dass Hisbollah entlang der Grenze im Südlibanon zahlreiche Stellungen errichtet hat, weil die syrischen Truppen das vereinbarte Vorrücken der regulären libanesischen Armee in die von Israel geräumten grenznahen Gebiete unterbunden hatten.

Die israelischen Erklärungen über "eine neue Preisliste", die unter der Regierung Scharon in Bezug auf die nordgrenze gelte, vertuscht die wichtigste Tatsache: Israel fordert nicht nur einen neuen "Preis", sondern es präsentiert die "Rechnung" nicht mehr den eigentlichen Tätern, sondern deren Schutzmacht Syrien, was politisch riskant sein kann: Sollte sich Damaskus seinerseits zu einem Vergeltungsschlag entschließen, so ist eine Eskalation ohne absehbares Ende unvermeidlich.

Doch Scharon und seine Regierung riskieren in Wirklichkeit wenig. Syrien ist von dem Luftangriff vollkommen überrascht und total verunsichert worden - seine staatlich kontrollierten Massenmedien schwiegen als einzige in der arabischen Welt die Ereignisse tot. Der libanesische Staatspräsident Emil Lahud warnte nach einem Telefonat mit seinem syrischen Amtskollegen Bashar el Assad vor einer "allgemeinen Konfrontation" und sprach von einer "gefährlichen Entwicklung" in der Krisenregion wegen Scharons "blutigen Methoden" - was Jerusalem als indirekte Stellungsnahme Syrien interpretierte.

Damaskus wird vermutlich aus mehreren Gründen nicht militärisch reagieren: Seine Truppenpräsenz in Libanon wird seit geraumer Zeit scharf kritisiert. Schlägt nun Damaskus zurück, so werden seine libanesischen Kritiker des Versuches beschuldigen, eine militärische israelisch-syrische Konfrontation auf libanesischem Territorium anzuzetteln.

Außerdem ist nach der jüngsten Hisbollah-Attacke auch dem libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Harari der Kragen geplatzt, der in seiner Zeitung "Al-Mustakbal" vor allem den Zeitpunkt der Aktion als kontraproduktiv bezeichnen ließ. Genau die gleiche Überlegung, nämlich dass der Zeitpunkt ungünstig sei, hatte anderseits Peres und Sneh zu ihrem Votum gegen den Vergeltungsschlag bewogen: Derzeit laufen intensive Bemühungen der USA, Ägyptens und Jordaniens um Vermittlung im Konflikt mit den Palästinensern.

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