Politik : Die Namen der Roten

Andrea Claudia Hoffmann

"Ein Traum ist in Erfüllung gegangen", hat Afanassjew auf eine Treppenhauswand des Reichstages geschrieben. 1945, als Stalins Truppen Berlin eroberten, kritzelten Tausende von sowjetischen Soldaten ihre Freude über den Sieg auf die Wände: Laschenko, Nikolajew oder Nurtdinow. Im Zuge des Umbaus kamen ihre Namen und Sprüche vor sieben Jahren wieder ans Tageslicht. Aber einige Abgeordnete können sich nicht an den Anblick gewöhnen.

Die Unionspolitiker Johannes Singhammer (CSU) und Horst Günther (CDU) wollen die kyrillischen Buchstaben, die im Erdgeschoss, auf dem Umgang zur Plenarebene und in einem Treppenhaus prangen, am liebsten entfernen. Sie und 69 weitere Abgeordnete - allesamt Unionspolitiker, sowie ein FDP-Mann - fordern: Die Graffiti sollen auf ein Minimum reduziert werden. Heute debattiert der Bundestag über ihren Antrag.

"Der Sitz des Parlaments ist das erste Haus Deutschlands. Es sollte dementsprechend repräsentativ gestaltet werden", begründet Antragssteller Singhammer seinen Vorstoß. Mehr als 95 Prozent der Inschriften seien Namen, argumentiert er, und "der historische Wert von Namenswiederholungen auf über 100 Metern Innenwand des Reichtags ist gering". Zwei Quadratmeter an einem zentralen Platz reichen seiner Meinung nach "zu historischen Dokumentationszwecken" aus. Durch die massive Präsenz der Inschriften würde die deutsche Geschichte außerdem auf einen einzigen, nicht sonderlich ruhmreichen Zeitpunkt verkürzt, meint Singhammer. Statt Russen-Graffiti wünscht er sich mehr Wappen und Fahnen im Bundestag. Eine Galerie mit Portraits der Bundeskanzler würde dem CSU-Mann gefallen. Das Grundgesetz und der Vertrag zur deutschen Einheit könnten zur Zierde des Gebäudes in eine Vitrine gebettet werden. "Andere Länder machen das doch auch."

"Ziemlich peinlich", findet Kulturausschussmitglied Eckardt Barthel (SPD) den Antrag. "Die deutsche Geschichte hat Brüche, und die Innenarchitektur des ehemaligen Reichstages zeigt diese Brüche sehr gelungen." Es sei offensichtlich, dass hier versucht werde, einen wichtigen Moment der Geschichte möglichst klein zu halten oder gar zu verstecken.

Politische Parolen finden sich kaum unter dem historischen Gekritzel. Ebenso wenig wie die Obszönitäten, von denen es früher einige gab. Die schlimmsten Zoten und Sprüche wurden bereits vor Jahren im Einvernehmen mit der russischen Botschaft entfernt.

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