Politik : „Die Nato kann es sich nicht leisten, Afghanistan verloren zu geben“

Der republikanische Senator Richard Lugar über den Nato-Gipfel in Riga, mögliche Gespräche mit Nordkorea und einen multilateralen Präsidenten

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Es gibt in Europa die Furcht, die Nato könnte den Kampf in Afghanistan verlieren. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Wir dürfen nicht zulassen, dass wieder ein Vakuum entsteht, das Leute füllen, die uns Schlechtes wünschen. Es braucht viel Geld und viele Soldaten, und viele müssen sich an dem Einsatz beteiligen – weit mehr, als wir uns das vorgestellt haben. Das mag heiße Debatten auslösen, aber die Nato kann es sich nicht leisten, Afghanistan verloren zu geben.

Wie viele Truppen werden vor Ort gebraucht?

Ich habe noch keine gute Schätzung gesehen. Auch nicht zu der Summe, die notwendig wäre, um echte Fortschritte bei der Bekämpfung der schrecklichen Armut zu machen. Untersuchungen – die möglicherweise übertrieben sind – sagen, dass die Hälfte des afghanischen Bruttosozialprodukts aus dem Drogenhandel stammt. Die Frage ist, womit man dieses Einkommen ersetzt. Ich hoffe, dass wir damit beim Nato-Gipfel in Riga endlich weiterkommen.

Was bedeutet die Ermordung des libanesischen Industrieministers Pierre Gemayel für die Beziehungen der USA zu Syrien?

Das Attentat trägt zur Konfusion der Lage bei und wird eine sehr kreative Diplomatie erfordern. Wo man hinblickt, sieht es schlecht aus. Es muss sofort ein Treffen zwischen Europäern und den USA geben, um zu beratschlagen, was zur Stabilisierung der Lage im Libanon zu tun ist. Ich gehöre zu denen, die ab einem bestimmten Punkt Gespräche zwischen unserer Regierung, Damaskus und Teheran empfehlen.

Wendet sich die Bush-Regierung nach der Nominierung von Robert Gates als Nachfolger von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einem internationaleren Ansatz in der Außenpolitik zu?

Die Ansichten von Präsident George W. Bush haben sich sehr viel mehr in Richtung einer internationalen Beteiligung gewandelt, weg von dem unilateralen Ansatz. Beispiele sind die Sechs-Parteien-Gespräche mit Nordkorea und die Zusammenarbeit mit Europa in der Iranfrage. Oder die Kooperation mit dem Sicherheitsrat, als Israel und die Hisbollah ihren Konflikt austrugen. Ich denke, so wird es weitergehen.

Aber das Weiße Haus weigert sich weiter, direkt mit Nordkorea zu verhandeln.

Es gibt Bewegung innerhalb der SechsParteien-Gespräche. Vor kurzem wurde zu einem Treffen des US-Botschafters in China ein Vertreter Nordkoreas dazugebeten. Offensichtlich haben sich die beiden über eine Tagesordnung für die Fortsetzung der Gespräche unterhalten. Das könnte wieder geschehen. Vielleicht bleibt dann der chinesische Vertreter in dem einen Raum sitzen, während die beiden anderen sich in einen Nebenraum zurückziehen.

In einer Rede vor dem German Marshall Fund am kommenden Montag wollen Sie vorschlagen, die Nato solle Artikel fünf ihrer Charta – der besagt, dass ein Angriff auf ein einzelnes Mitglied als Angriff gegen alle Mitglieder behandelt wird – nicht auf militärische Konflikte beschränken, sondern auf Auseinandersetzungen um den Zugang zu Energie ausweiten. Warum?

Einen großen Prozentsatz der Öl- und Gasreserven kontrollieren Staaten, die sich das Recht vorbehalten, sie strategisch zu nutzen. Artikel fünf ins Spiel zu bringen, mag extrem klingen. Aber was passiert, wenn eine Nation einfach die Öl- und Gashähne zudreht? Sie schickt keine Truppen, sie verletzt keine Grenzen, aber sie versucht, die Souveränität eines Staates zu erschüttern, indem sie die Energieversorgung unterbricht. Das Beispiel Ukraine hat gezeigt, dass das so fatal sein kann wie ein Militärschlag.

Das Thema ist nicht unbedingt neu …

Nein, aber in Europa herrscht Unbehagen, es öffentlich zu diskutieren. Stattdessen gibt es die Idee, die Staaten sollten sich selbst um ihre Souveränität kümmern und zum Beispiel mit den Russen bilateral sprechen. Ein Beispiel wäre Deutschland und seine Pipeline, die einige Europäer als private Pipeline mit Russland sehen. Polens Presse hat das sehr kritisiert, und die baltischen Staaten sind besorgt. Gleichzeitig fragen uns die Europäer: Wenn Artikel fünf ins Spiel kommt, was könnt ihr für uns tun? Wie viel Öl, wie viel Gas könnt ihr liefern? Und wie schnell? Wir müssen unsere Defizite eingestehen und über Lösungen nachdenken – doch die können teuer werden.

Russland wird vorgeworfen, die Gaspreise zu manipulieren und besonders für die Staaten hochzusetzen, die neue Pipelines bauen wollen.

Ich zweifle nicht, dass sie das versuchen. Aber die USA sind nicht hilflos. Wir haben Kasachstan vorgeschlagen, eine Pipeline unter dem Kaspischen Meer zu bauen. Wir ermuntern alle mit solchen Plänen. Wir sprechen mit den US-Energiekonzernen über die strategische Bedeutung der Öl- und Gasversorgung. Die fragen uns dann aber, wie sehr Kongress und Regierung daran interessiert sind, strategisch wichtige Investitionen zu schützen.

Auch Präsident Bush?

Als der Präsident in einer Rede an die Nation sagte, wir seien abhängig von ausländischem Öl, war das überraschend. Seit er mit dem Thema warm geworden ist, hat er realisiert, wie viele Probleme damit verbunden sind. Wenn wir dem Rennen um die fossilen Rohstoffe nicht genügend Aufmerksamkeit schenken, sind Konflikte programmiert. Bevor die Bevölkerung in einigen Länder friert, könnten ihre Regierungen bereit sein, um den Zugang zu Energie zu kämpfen. Mit einem so dynamischen Wachstum wie in China und in Indien muss die Energieversorgung erst einmal Schritt halten.

Die Fragen stellte Matthias B. Krause.

Richard Lugar (74)

ist einer der profiliertesten US-Außenpolitiker. Noch bis zum Jahresende sitzt der liberale Republikaner dem außenpolitischen Ausschuss des

Senats vor.

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