Politik : „Die nehmen den Bürger nicht ernst“

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Sie geben den Vorsitz im Gesundheits-Sachverständigenrat vorzeitig ab. Warum?

Das hat vor allem berufliche Gründe. Die Mitglieder müssen Wissenschaftler sein. Dies ist heutzutage immer fordernder. Ich habe ab Herbst einen neuen Studiengang und bin Beauftragter für eine neue Stiftung. Das reicht.

Sie gehen nicht, weil Ihnen die Regierung zu reformunwillig ist?

Nein, aber meine Meinung ist bekannt. Wir haben es geschafft, dass sich die Krankenversicherungs-Ausgaben in etwa entwickelt haben wie das Bruttoinlandsprodukt. Doch die Politik hat die Kassen bei den Einnahmen geschwächt. Die Beiträge sind davongelaufen und in ihrer Höhe nicht mehr erträglich. Es bedarf eines wirklichen und ehrlichen Kraftaktes. Ich bin mir nicht sicher, ob die Beteiligten sich des Ernstes der Lage bewusst sind.

Hat die Politik versagt?

Ich denke, dass sie den Bürger nicht ernst nimmt. Wir müssen ihm die Wahrheit sagen. Das heißt auch, ihn in seiner Eigenverantwortung ernst nehmen. Er kann für die kleinen Gesundheitsstörungen seines Lebens selbst eintreten. Finanziell, aber auch im Sinne kompetenter Laienmedizin.

Wäre von der Opposition mehr zu erwarten?

Manche Unterschiede, die jetzt hochgespielt werden, sind nur rhetorisch. Der eigentliche liegt darin, dass die SPD sagt: Weiter so, mit Qualitätskorrekturen kommen wir hin. Richtig ist, dass wir immer den Kampf um mehr Qualität brauchen. Aber das reicht nicht.

Was wäre nötig? Kassen und Ärzte sind sich ja nur in einem einig: Sie wollen mehr Geld…

Es kann zu keinen harmonischen Verhältnissen kommen, solange dieses knapp finanzierte System eine Rundumversorgung verspricht. Deshalb müssen wir weg davon und bei den leichten Erkrankungen streichen. Das ist meine Überzeugung, für die ich aber derzeit keine politische Mehrheit beziehungsweise nicht den politischen Mut sehe.

Das Gespräch führte Rainer Woratschka.

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