Politik : Die neue Gefahr

Durch verschmutztes Trinkwasser drohen jetzt lokale Epidemien von Cholera, Gelbsucht oder Fieber

Adelheid Müller-Lissner

Berlin - Für die Überlebenden der Flutkatastrophe in Südasien und die Bewohner der betroffenen Regionen bleibt das Wasser eine Gefahr. Aber nicht das Meerwasser ist das Problem, sondern verunreinigtes Süßwasser. Weil die Flut viele Wasserquellen versalzen hat, aber auch wegen der durch Massenflucht und provisorisches Wohnen verschlechterten Lebensbedingungen müssen viele Menschen verunreinigtes Wasser trinken. „Das A und O sind gute Hygiene und sauberes Trinkwasser“, sagt Christiane Löll, Pressesprecherin der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“.

„Das Hauptproblem werden jetzt die fäkal-oral übertragbaren Krankheiten sein“, sagte Professor Gerd Buchard, Leiter der Klinischen Abteilung am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, dem Tagesspiegel. Bei diesem Infektionsweg werden Krankheitserreger über Stuhl übertragen, der mit der Nahrung oder dem Wasser aufgenommen wird. Es drohen vor allem Durchfallerkrankungen.

Unter den Infektionen mit Bakterien ist die in Südostasien verbreitete Cholera besonders gefürchtet, die unbehandelt nach heftigen Brechdurchfällen durch Austrocknung oft zum Tode führt. Auch der ebenfalls bakteriell verursachte und ebenfalls lebensgefährliche Typhus stellt eine Gefahr dar. Beide können mit Antibiotika behandelt werden. Diese Mittel gehören deshalb zu den ganz wichtigen Hilfsgütern. Durch verseuchtes Wasser können aber auch Virusinfektionen wie Hepatitis A („Gelbsucht“) übertragen werden oder die so genannte Amöbenruhr. Selbst unter weit gehend normalen Bedingungen sind 80 Prozent aller Krankheiten, die Reisende erwischen, auf verunreinigtes Wasser zurückzuführen. Unter den Hilfsgütern, mit denen die Flugzeuge zur medizinischen Notversorgung beladen werden, befinden sich deshalb auch Trinkwasser und Materialien zur Reinigung von Wasser: Filter zur mechanischen Aufbereitung, Chlor zur chemischen Desinfektion, dazu Pumpen.

Eine zweite große Gefahr für die Gesundheit der Überlebenden sehen Experten in Krankheiten, die durch Insekten übertragen werden. „Wenn sich in Wasserstellen die Anopheles-Mücken ausbreiten, könnte vermehrt Malaria auftreten“, befürchtet Gerd Buchard. Denn die Krankheit ist in den von der Katastrophe betroffenen Ländern ohnehin relativ häufig. „Ich denke, es wird keine riesige Epidemie geben, man muss aber damit rechnen, dass lokal kleinere Epidemien auftreten werden“, sagt der Hamburger Experte. Auch die bis heute nicht behandelbare und in Asien häufig vorkommende Viruserkrankung Dengue-Fieber wird durch Insekten übertragen. „Das Problem ist nicht unbedingt, dass die Mücken sich jetzt schlagartig vermehren. Das Problem ist, dass die Menschen ihnen schlagartig viel stärker ausgesetzt sind“, sagt Christiane Löll. Neben Notunterkünften, Decken und Plastikplanen sind deshalb Moskitonetze wichtig. „Das wissen wir etwa von den Überschwemmungen nach dem Wirbelsturm im September in Haiti.“ Solche Erfahrungen lehren auch, was vor Ort sofort gebraucht wird. Bei der Flucht vor den Fluten haben sich in Haiti zahlreiche Menschen Schnittwunden zugezogen, besonders an den Füßen. Andere sind von Dächern gestürzt oder wurden gegen Autos geschmettert. Verbandsmaterial und Mittel zur Wundversorgung gehören deshalb immer zu den Hilfsgütern.

So erschütternd der Anblick ist: Entgegen den Befürchtungen von Laien stellen Leichen, die nicht sofort geborgen werden können, keine nennenswerte Gefahr für die Gesundheit der Überlebenden dar. Das hat eine groß angelegte wissenschaftliche Untersuchung im Mai dieses Jahres gezeigt. Krankheitserreger, die gefährliche Seuchen in der Bevölkerung hervorrufen könnten, finden sich bei den Opfern von Naturkatastrophen nur selten, zudem überleben sie im toten Körper nur kurz. Abbauprodukte, wie sie im Verwesungsprozess entstehen („Leichengift“), werden als Gefahr ebenfalls überschätzt. Insgesamt sind eher direkte Helfer gefährdet, sich mit Erregern chronischer Krankheiten wie Hepatitis B zu infizieren. „In der aktuellen Situation ist das aber auf jeden Fall ein untergeordnetes Problem“, so Burchards Einschätzung.

Die Menschen, die die Flut überlebt haben, sind aber auch so gefährdet genug. „Wenn es überall feucht ist und die Menschen auf engem Raum unter Ausnahmebedingungen zusammenleben, steigt generell die Gefahr, krank zu werden“, weiß Christiane Löll. Das wichtigste Anliegen ihrer Hilfsorganisation sei deshalb derzeit die Vorbeugung durch sinnvolle Hygienemaßnahmen.

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