Politik : "Die neue Sklaverei": Grenzenloses Geschäft mit der Armut

Hella Kaiser

Wenn Schiffe traurige Schlagzeilen machen, geht es gemeinhin um Umweltkatastrophen. Auf der "Etireno" aber hatte sich vor ein paar Wochen eine menschliche Tragödie abgespielt. 43 Kinder und Jugendliche fanden die Behörden von Cotonou, der Hauptstadt des westafrikanischen Benin, auf dem Schiff. Kinder, die man ihren bitterarmen Eltern wie Waren abgekauft hatte und als billige Arbeitskräfte Gewinn bringend weiter verhökern wollte.

Eine skandalöse Geschichte, gewiss. Erschreckender ist: Was da an die Öffentlichkeit gelangte, ist kein Ausnahmefall. Die "neue Sklaverei", so hat der amerikanische Soziologe Kevin Bales in seinem jetzt auf Deutsch vorliegenden Buch detailliert nachgewiesen, ist ein florierendes Geschäft. Im Zuge der Globalisierung blüht und gedeiht es grenzenlos, mit immer rüderen Methoden.

Verglichen mit heutigen Praktiken erscheint die Sklaverei der alten Zeit fast human. Wer etwa im 17. Jahrhundert Sklaven beschäftigte, hatte sie relativ teuer bezahlen müssen. Sie "gehörten" zum Eigentum und wurden von ihren Besitzern in aller Regel einigermaßen pfleglich behandelt. Schon aus wirtschaftlichen Erwägungen. Wer einen Menschen kaufte, wollte ihn möglichst lange "nutzen". Ein geschundener, ausgemergelter Sklave machte wenig Sinn, ihn zu ersetzen kostete Geld und Mühe.

Nun ist die Ware Mensch billig geworden. Es herrscht ein Überangebot. In Südostasien, Indien, Afrika und den arabischen Ländern hat sich die Bevölkerung während der letzten fünf Jahrzehnte mehr als verdreifacht. "Die Länder quellen schier über von Kindern", konstatiert Bales nüchtern. Ein Menschenleben zähle nichts mehr, das "Reservoir potentieller Sklaven" sei ungeheuer angewachsen. 27 Millionen Menschen, so Bales vorsichtige Schätzung leben derzeit in Sklaverei. Längst schuften sie nicht nur in der Dritten Welt, bisweilen werden sie auch exportiert.

Kevin Bales erzählt die Geschichte von Seba. Das Mädchen wurde in Mali von ihrer Großmutter aufgezogen, die den blumigen Versprechungen einer in Paris lebenden afrikanischen Familie geglaubt hatte. Seba würde in Frankreich zur Schule gehen können, eine Ausbildung bekommen. In Wirklichkeit dufte Seba in Paris kaum vor die Tür. Sie kochte, putzte und versorgte die Kinder der Familie. Was die bei Tisch übrig ließen, durfte Seba essen, zum Schlafen diente der Fußboden. Sie wurde erniedrigt und so grausam misshandelt, dass Nachbarn schließlich auf die Geschehnisse aufmerksam wurden. Seba wurde befreit.

Etwa 3000 Haushaltssklaven vermutet Kevin Bales allein in Paris, und auch in London oder New York sind sie zu finden. Natürlich ist das Risiko der Entdeckung in diesem Teil der Welt für Händler und Besitzer größer als in den Ländern der Dritten Welt, wo der Menschenhandel bisweilen auch von den (korrupten) Regierungen billigend hingenommen wird. Kärglich entlohnte Polizisten drücken bei entsprechendem Schmiergeld gern beide Augen zu.

Thailändische Bordellbesitzer müssen bei Geschenken an Staatsdiener nicht knauserig sein. Ihr Geschäft wirft ungeheure Gewinne ab. Bales rechnet vor, dass bei einem Bordell mit rund zwanzig Prostituierten die monatlichen Ausgaben rund 10 000 Dollar betragen. Wenn jede Frau im Durchschnitt 14 Kunden pro Tag bedient, beträgt der monatliche Gewinn mehr als das Achtfache.

In fünf Ländern hat Kevin Bales seine Studien gemacht, darunter Mauretanien, wo die Sklaverei den Frühformen der Knechtschaft noch am ehesten ähnelt. Die hellhäutigen maurischen Herren empfinden ihren dunkelhäutigen Sklaven gegenüber noch eine gewisse Verpflichtung. Dazu gehört, dass sie im Alter oft ihr "Gnadenbrot" fristen dürften. Solch menschliche Regungen sind Sklavenhaltern moderner Prägung schon fremd. Wer nicht mehr einsatzfähig ist, muss gehen. Es gibt andere Merkmale der modernen Knechtschaft: Früher spielten Hautfarbe und ethnische Unterschiede bei der Versklavung eine wichtige Rolle. Heute sind sie nebensächlich. Wer arm genug ist, kann zum Opfer werden.

Viele lassen sich mit falschen Versprechungen locken und begeben sich ahnungslos in die Hände von gewissenlosen Schleppern. Bei Menschen, die in den Slums brasilianischer Städte leben, zerstreut die Hoffnung auf einen Job alle Bedenken. Gern verpflichten sie sich, die Fahrtkosten zu Holzkohlecamps später "abzuarbeiten", wenn sie dort nur Geld verdienen können. Dann schnappt die Falle der Schuldknechtschaft zu. An eine Flucht aus dem Regenwald, wo sie ihre gefährliche Arbeit verrichten müssen, ist nicht zu denken.

Viele erschreckende Beispiele der modernen Sklaverei versammelt Bales in seinem Buch. Aber er belässt es nicht dabei. Stattdessen zeigt er, wie die gravierenden Umbrüche in den vergangenen fünfzig Jahren zu der unheilvollen Entwicklung beigetragen haben und beleuchtet die globalen Verflechtungen. Zumindest zwischen den Zeilen unterstellt er internationalen Konzernen, dass sie ihre Zuliefererbetriebe nicht allzu genau unter die Lupe nehmen. Wer das billigste Produkt anbietet, erhält den Zuschlag. So ist Marktwirtschaft.

Die Menschen der so genannten Ersten Welt aber sollten da nicht länger zusehen, fordert der Autor eindringlich. Und: Jeder könne etwas tun. Mit Beispielen aus der Vergangenheit macht Bales Mut. Im 19. Jahrhundert etwa war bekannt geworden, dass große Teile der Baumwolle für die blühende britische Tuchindustrie von Sklaven geerntet worden waren. Manche Textilarbeiter weigerten sich daraufhin, diese Produkte weiterzuverarbeiten.

Heute sei der Konsument in der Pflicht, der mit seinem Einkaufsverhalten Zeichen setzen kann. Bales Frage lautet: "Wieviel wollen wir bezahlen, damit die Sklaverei beendet wird?" Bezüglich der Teppichindustrie hat es bereits Erfolge gegeben. Unter den meisten Produkten klebt heute ein Siegel, das dafür bürgt, dass ein Teppich nicht von Kindern gewebt wurde.

Möglicherweise wäre ein Konsument überfordert, wenn er sich bei jedem Kauf eines Produktes überlegen sollte, ob Teile davon in Sklavenarbeit entstanden sein könnten. Aktienkäufer aber haben durchaus Einflussmöglichkeiten. So genannte Ethik-Fonds bürgten dafür, dass mit dem anvertrauten Geld im humanen Sinne umgegangen wird. Der Autor - selbst Mitglied bei "Anti- Slavery International" (ASI) - hofft auf neue Mitstreiter in dieser Organisation. Je größer sie werde, um so mehr politischen Druck könne sie ausüben.

Seit Jahren forscht Bales auf diesem Gebiet. Wie schwierig das bisher oft war, kann man im spannenden Anhang lesen. Under cover für die Menschlichkeit, so könnte man sein Engagement beschreiben. Sein Buch verstört, aber es ermuntert auch. Handeln statt wegsehen, so lautet die Botschaft.

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