• Die neuen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen: Ende der Armut und der Umweltzerstörung

Die neuen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen : Ende der Armut und der Umweltzerstörung

Mit 17 Zielen und 169 Unterzielen sollen die Probleme der Welt gelöst werden. In der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 25. bis 27. September sollen sie beschlossen werden. Die Ziele im Überblick.

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Irgendwas zu sagen? Die Skulptur des italienischen Bildhauers Davide Dorino vor dem europSALVATORE DI NOLFIäischen UN-Sitz in Genf. Die Figuren sind lebensgroß und den Wistleblowern Edward Snowden (von links), Julian Assange und Chelsea Manning nachgebildet.
Irgendwas zu sagen? Die Skulptur des italienischen Bildhauers Davide Dorino vor dem europSALVATORE DI NOLFIäischen UN-Sitz in...Foto: Salvatore di Nolfi/dpa

Bis 2015 sollten nur noch halb so viele Menschen extrem arm sein wie im Jahr 2000. Das war eines der Millenniums-Entwicklungsziele (MGDs) der Vereinten Nationen. Diese Ziele sollen nun durch 17 Nachhaltigkeitsziele, Sustainable Development Goals (SDG), für alle Staaten ersetzt werden. Das geht dann nicht mehr nur Entwicklungsländer an – sondern wirklich alle.

1. Das Ende der Armut

Bis 2030 soll es niemanden mehr geben, der sein Leben mit 1,25 US-Dollar am Tag fristen muss. Das ist anspruchsvoll. Aber in den vergangenen 15 Jahren ist es gelungen, die Zahl der extrem Armen zu halbieren. Das ist vor allem dem Aufschwung Chinas zu einer der größten Wirtschaftsmächte zu verdanken. Es geht aber nicht nur um die Ärmsten der Welt. In entwickelten Ländern soll bis 2030 mindestens die Hälfte der dort nach den jeweiligen Länderdefinitionen als arm geltenden Menschen den Sprung aus der niedrigsten Einkommensgruppe in eine höhere geschafft haben. In Deutschland gibt es gar keine anerkannte Definition für Armut.

2. Das Ende des Hungers

Knapp 800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Ihnen fehlt das Geld, um sich in Städten Lebensmittel zu kaufen, oder sie hungern auf dem Land, weil sie nicht genug ernten können. Jedes Jahr sterben 2,9 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung. Die Zahlen hat das Welternährungsprogramm (WFP) erhoben. Es geht nicht nur darum, dass alle satt werden. Viele Menschen bekommen nicht genug Vitamine und Mineralien. Auch diesem „versteckten Hunger“ sagen die UN nun den Kampf an.

3. Ein gesundes Leben für alle

Wer in Gesundheit investiert, kann Leben retten. Mit dieser Botschaft haben es Entwicklungsorganisationen schon im Jahr 2000 geschafft, starke Gesundheitsziele auszuhandeln. Das ist bei den neuen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) nicht anders. Die Müttersterblichkeit soll nicht höher sein als 70 von 100 000 Frauen, die durch Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt sterben. In Deutschland liegt diese Zahl bei 29 von 100 000, in Afghanistan sind es 460. 2030 sollen von 1000 Kindern nicht mehr als 25 vor ihrem fünften Geburtstag sterben müssen. Die Behandlung von Aids und anderen Krankheiten soll verbessert werden.

4. Kostenlose Bildung für alle

Bis 2030 soll jedes Kind der Welt nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen können. Die Kinder sollen neben einer für sie kostenfreien Grundschule auch eine kostenlose weiterführende Schulbildung bekommen. Beim Bildungsziel geht es um das lebenslange Lernen, um die Berufsbildung und die Universitäten. Und weil es mit den Grundkenntnissen nicht getan ist, soll die Qualität der Bildung gemessen werden. Bis 2015 hätten alle Kinder eine Grundschulbildung bekommen sollen. Derzeit gehen aber immer noch rund 56 Millionen Kinder nicht in die Schule – mehr Mädchen als Jungen.

5. Gleichheit zwischen Männern und Frauen

In den Entwicklungszielen hieß die Formel noch: Werben um Gleichheit zwischen den Geschlechtern. In den neuen Nachhaltigkeitszielen heißt die Formel: Gleichheit zwischen Männern und Frauen erreichen. Das ist ein großer Erfolg der Frauenrechtlerinnen. Denn insbesondere in muslimischen Staaten gilt das Ziel fünf nicht als das wichtigste Ziel. Aber sie haben es auch nicht verhindert. Die Einzelziele reichen vom Ende der Frauendiskriminierung bis hin zur gerechten Teilhabe von Frauen an Wirtschaft und Macht.

6. Sauberes Wasser und Toiletten

Brunnen bohren und sie einzuweihen hat sich als leichter erwiesen, als bei Toilettenhäuschen rote Bänder zu zerschneiden. Zwischen 1990 und 2015 sind 2,6 Milliarden Menschen mehr mit sauberem Wasser versorgt worden. 2,1 Milliarden Menschen mehr verfügen über eine einfache Sanitärversorgung. Noch immer haben 2,4 Milliarden Menschen keine Toilette, 946 Millionen Menschen müssen sich im Wald, auf Feldern oder im Straßengraben erleichtern. Bis 2030 sollen alle Menschen sauberes Wasser trinken können und eine Toilette in der Nähe haben. Zudem sollen Wasservorräte besser verwaltet werden, damit es nicht knapp wird.

7. Saubere Energie für alle

Der Mangel an Strom hat sich vor allem in Afrika als eines der größten Entwicklungshindernisse erwiesen. Mehr als zwei Milliarden Menschen haben gar keinen Strom. Und die Energiesysteme der entwickelten Welt ruinieren das Klima. Außerdem sterben jedes Jahr Millionen von Menschen an der Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke draußen und offene Feuer zum Kochen drinnen. Das Ziel, bis 2030 die ganze Welt mit sauberer Energie zu versorgen, nützt dem Klima, rettet Millionen Frauen und Kindern das Leben und verhilft unterentwickelten Ländern zu Jobs und Einkommen durch eine eigenständige Wirtschaftsentwicklung.

8. Eine bessere Weltwirtschaft

Die Entwicklungsländer wollen „nachhaltig wachsen“. Sie hoffen auf einen Daueraufschwung, der alle ihre Probleme löst. Darin unterscheiden sie sich kaum von den entwickelten Staaten, von denen die wenigsten sich eine nachhaltige Wirtschaft ohne großes Wachstum vorstellen können. Die Jugendarbeitslosigkeit soll sinken. Die Gewerkschaften haben sich mit ihrem Wunsch nach guter Arbeit für alle in dem Ziel verewigt. Es enthält aber auch die Forderung nach höherer Energieeffizienz und einem geringeren Ressourcenverbrauch.

9. Nachhaltige Infrastruktur

Seit dem ersten Erdgipfel 1992 in Rio gibt es heftige Diskussionen darüber, ob es ein Recht auf Entwicklung gibt. Die Entwicklungsländer sind sich da völlig einig. Und da sie in den Vereinten Nationen die Mehrheit haben, haben sie sich damit auch durchgesetzt. Bei diesem Ziel geht es um Mobilität, um Städtebau und „Industrialisierung“ in den noch wenig entwickelten Ländern. Wird diese Infrastruktur nach dem Muster der alten Industrialisierung aufgebaut, dürfte das den Klimawandel noch einmal erheblich anfeuern. In der Zielbeschreibung ist aber zumindest von einer „nachhaltigen und widerstandsfähigen Infrastruktur“ die Rede.

10. Weniger Ungleichheit

Auch dieses Ziel bezieht sich einerseits auf den Zustand der Welt: Es gibt reiche und arme Länder. Es bezieht sich aber auch auf die Ungleichheit innerhalb von Ländern und Gesellschaften. Deshalb sollen alle Menschen am Fortschritt teilhaben können. Vor allem die Einkommen der Armen sollen steigen. Es wird zu einer Steuerpolitik geraten, die der Ungleichheit entgegenwirkt. Das ist für UN-Verhältnisse ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass fast überall eine kleine Schicht geradezu unanständig reich ist. Hier wird auch eine gut geplante Migrationspolitik gefordert.

11. Städte sollen lebenswert sein

Etwa die Hälfte der Menschheit lebt heute schon in den Städten der Welt. Sie sollen allen Menschen Lebensmöglichkeiten bieten, widerstandsfähig gegen Natur- und andere Katastrophen und möglichst sicher vor Kriminalität sein. Sie sollen sich nachhaltig entwickeln und nicht wegen Luftverschmutzung, Immobilität in endlosen Staus und ungesunden Wohnungen regelrecht unbewohnbar werden. Das Ziel 11 ergänzt das Infrastrukturziel 9 um die sozialen Fragen des Zusammenlebens.

12. Nachhaltiger Konsum

Die Forderung, nur so viel zu konsumieren, dass die Begrenzungen des Erdsystems nicht überschritten werden, zielt vor allem auf die Industriestaaten. Dabei geht es vor allem darum, die Wirtschaftssysteme der entwickelten Staaten an die Kapazitäten und Rohstoffreserven unseres Planeten anzupassen – und noch genug Platz für die Entwicklung der armen Staaten zu lassen. In Deutschland diskutiert die Regierung das in Bürgerdialogen unter der Überschrift: Gut Leben. Die Vorschläge sind eher schwammig. Aber einer ist relativ konkret: Für zerstörerische nicht erneuerbare Energien sollen wenigstens keine Subventionen mehr gezahlt werden.

13. Klimawandel bekämpfen

Das ist das einzige Nachhaltigkeitsziel, das eine Fußnote hat. Darin wird betont, dass der wichtigste Ort für die Verhandlung dieser Frage die UN-Klimarahmenkonvention ist. In gut zwei Monaten soll der 21. Weltklimagipfel in Paris ein neues Klimaabkommen aushandeln, dessen Ziele mit dieser Fußnote gleich mit zum Nachhaltigkeitsziel erhoben werden. Ohne eine konsequente Klimapolitik sind alle anderen Nachhaltigkeitsziele nicht erreichbar. Da waren sich die Verhandler der SDGs ziemlich sicher.

14. Ozeane schützen

Der beklagenswerte Zustand der Weltfischbestände hat dazu geführt, dass sich die Vereinten Nationen erstmals ein umfassendes Schutzziel für die Weltmeere geben. Lag der Verbrauch von Fisch pro Kopf und Jahr 1960 im Schnitt noch bei 9,9 Kilogramm, waren es 2012 schon 19,2 Kilogramm. Allerdings lebten 1960 noch nur rund drei Milliarden Menschen auf der Welt, 2012 waren es schon knapp sieben Milliarden. Deshalb soll weniger Müll und Chemie im Meer landen. Bis 2020 soll die Überfischung beendet werden. Dafür soll es auch Schutzgebiete in Küstenregionen und auf hoher See geben, über die nun verhandelt werden soll.

15. Schutz der Natur

Die Ziele sämtlicher Umweltkonventionen finden sich in diesem Ziel wieder. Der Verlust der biologischen Vielfalt soll gestoppt werden. Die Wüstenbildung soll gebremst, der Verlust fruchtbarer Böden möglichst verhindert, die Wälder und Naturlandschaften erhalten werden. Dafür sollen die natürlichen Ressourcen besser verwaltet und nicht übernutzt werden. Gewinne aus natürlichen Ressourcen sollen fair geteilt werden. Die Ausbreitung gebietsfremder Arten soll vermindert oder verhindert werden. Bisher waren die Naturschutzkonventionen nicht überragend erfolgreich. Mühsamen Erfolgen steht ein rasantes Artensterben gegenüber.

Ohne Frieden ist Entwicklung kaum möglich. Doch die vielen UN-Friedensmissionen haben es bisher nicht geschafft, die Welt friedlicher zu machen.
Ohne Frieden ist Entwicklung kaum möglich. Doch die vielen UN-Friedensmissionen haben es bisher nicht geschafft, die Welt...Foto: Stuart Price/AFP

16. Frieden und Gerechtigkeit

Im Krieg gelingt keine Entwicklung. Eine friedliche Welt ist die Voraussetzung für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Frieden braucht Gerechtigkeit, eine funktionierende Polizei und Justiz sowie staatliche Institutionen, die nicht durch Korruption untergraben werden. Das wird als „Staatsaufbau“ und „gute Regierungsführung“ diskutiert. Konkret sollen der illegale Waffenhandel und die Geldwäsche bekämpft werden. Bis 2030 soll aber auch jeder Mensch eine Geburtsurkunde bekommen – und für Verwaltungen nicht mehr unsichtbar sein.

17. Eine globale Partnerschaft

Die 17 SDGs sollen für alle Staaten zur strategischen Richtschnur ihrer Politik werden. Doch damit Entwicklungsländer sie erreichen können, brauchen sie weiterhin Hilfe. Das Geld dafür, die Entwicklung neuer Technologien und die Erhöhung der Leistungsfähigkeit von Verwaltungen gehören zu den Themen, über die in jedem internationalen Abkommen gestritten wird. Um die Nachhaltigkeitsziele nicht zu gefährden, ist der Streit ums Geld auf den Finanzierungsgipfel in Addis Abeba in diesem Sommer vertagt worden. Zufrieden sind damit aber die wenigsten Staaten. Sie verlangen eine bessere Partnerschaft auf Augenhöhe, um voranzukommen.

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