Politik : Die neuen Reichen

Die Slowenen suchen zwischen Alpen und Adria, Palmen und Oberkrainern nach ihrer Identität

Paul Kreiner

Am 30. April wird auch der letzte Rest des Eisernen Vorhangs aus Europa verschwinden. Viel ist von ihm ohnehin nicht mehr übrig geblieben, ein Mäuerchen mit einem Zaun obendrauf, aber immerhin hat dieses Unikum den Fall der Berliner Mauer um mehr als 14 Jahre überlebt – und nicht nur das: die Mauer teilt bis heute die Stadt Gorizia/Gorica in eine italienische und eine slowenische Hälfte. Am 30. April aber, am Vorabend des slowenischen EU-Beitritts, wird Kommissionspräsident Romano Prodi zur Spitzhacke greifen. Und dann? Dann teilen sich Gorizia und Gorica ein Areal, das sie „Platz des Vereinten Europa“ nennen. Bürger beider Staaten dürfen dort ungehindert und ohne Papiere flanieren – aber wehe, einer nützte die Gelegenheit gleich zum „richtigen“ Grenzübertritt. Der bleibt selbst im vereinten Europa einstweilen verboten.

Dabei liegt Slowenien dem alten Europa näher als jedes andere Beitrittsland. Schon jetzt übertrifft es die EU-Schlusslichter Griechenland und Portugal an Wirtschaftskraft und hat bessere Perspektiven als diese. Schon als Teilrepublik Jugoslawiens war Slowenien durch den Handel eng mit dem Westen verflochten; mehr oder minder frei verkehrende Gastarbeiter sorgten für persönliche und kulturelle Nähe zum Kapitalismus. So hatte Slowenien, nachdem es sich 1991 in seinem gemessen an den späteren Kämpfen auf dem Balkan harmlosen „Zehntagekrieg“ aus Jugoslawien herausgelöst hatte, für seinen Weg in Richtung EU ungleich günstigere Startbedingungen als die Länder des Ostblocks. Die Wende führte auch deswegen zu keinerlei Schock, weil die Politiker an der Spitze des Landes die gleichen blieben. Die kommunistischen Kader, die ihre alte Ideologie in aller Behutsamkeit, aber auch ohne jegliche Vergangenheitsbewältigung zur Seite schoben, führten ihr Volk so selbstverständlich in die Marktwirtschaft, als ob sie darin aufgewachsen wären.

Behutsam in die Marktwirtschaft

Und sie bewahrten die Slowenen vor dem rauen Wind des Kapitalismus. Während etwa Tschechiens Herrscher ihr Land kopfüber in eine „Marktwirtschaft ohne Adjektive“ stürzten und dabei auch von „sozial“ nichts hören wollten, federten ihre Kollegen in Ljubljana durch behutsame Patronage ebenso wie durch eine extrem verzögerte Privatisierung alle nur möglichen Erschütterungen ab. Und mit dem Verweis auf „nationales Interesse“ wurden ausländische Investoren daran gehindert, das kleine, nur zwei Millionen Einwohner zählende Slowenien aufzukaufen. „Wir halten zusammen. Dann sind wir selber stark. Wir brauchen keine Ausländer.“ Fast ängstlich, aber umso stärker halten die Slowenen am nationalen Konsens fest; Kampf untereinander ist verpönt.

Gut gebildet sind die Slowenen; schon im alten Jugoslawien taten sie alles, damit man sie nicht dem Balkan zurechnete. So haben sie sich den Ruf erworben, gewissenhaft und arbeitsam zu sein; sie gelten als die „Preußen“, die „Schotten“ oder die „Schweizer“ der Region. Slowenien ist das wohlhabendste Beitrittsland, mit Löhnen doppelt so hoch wie in Ungarn oder Tschechien. Und an ihrem „hart und redlich erworbenen“ Reichtum lassen die Slowenen andere nur ungern teilhaben.

Ein wenig wie die Schweiz

Soeben haben sie es in einer Volksabstimmung mit 95 Prozent Mehrheit abgelehnt, rund 18 000 Angehörigen anderer jugoslawischer Republiken, die 1991 in Slowenien geblieben sind, ihre Rechte zurückzugeben. Diese Bosnier, Kroaten und Serben hatten es versäumt, die slowenische Staatsbürgerschaft zu beantragen und waren, ohne weiteren Bescheid, aus dem Bevölkerungsregister gestrichen worden – unter Verlust ihrer erarbeiteten Rentenanwartschaften und anderer sozialer Ansprüche. Das Verfassungsgericht fand das unerträglich, die Slowenen aber wollen nicht nachgeben. Sie befürchten Rückerstattungsansprüche in Milliardenhöhe.

Dabei ist das Land so idyllisch, dass sich selbst eine nüchterne Beschreibung so liest, als käme sie geradewegs aus einem Tourismusprospekt: Die Alpen im Norden, das vor Grün strotzende Alpenvorland, der herbe, spröde Karst im Westen, gleich angrenzend die lichte Adria – deftiges Oberkrainer-Gedudel und Bergsteigerromantik, Ernst und Schwere des Habsburg-Barocks, Palmen und venezianische Leichtigkeit des Seins, Landschaft und Geschichte gehen eine Verbindung ein, die in Europa einzigartig ist. In all dem suchen die Slowenen nach ihrer Identität, genauso wie sie fürchten, diese könnte im vereinten Europa untergehen, noch bevor sie sie formuliert hätten. Und es ärgert sie maßlos, wenn man sie – wie es selbst bei Staatsbesuchen im Ausland oder bei Sportveranstaltungen immer wieder geschieht – mit den Slowaken verwechselt.

Schon 2007 will Slowenien seinen Tolar durch den Euro ersetzen. Und wenn es dann auch noch mit Schengen klappt, dann trägt der „Platz des Vereinten Europa“ in Gorizia/Gorica seinen Namen zu Recht. In ein paar Jahren. Endlich.

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