Politik : Die Öresund-Region überwindet die Grenze zwischen Schweden und Dänemark

Carsten Klehn

Von Hamlets Schloss in Helsingør im Norden bis zu den Zwillingsstädten Skanör und Falsterbo im Süden erstreckt sich das blaue Band des Öresund, einer der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt. Mit dem Bau einer gigantischen Auto- und Eisenbahnverbindung rücken Dänemark und Schweden näher zusammen. In der südlichen Ostsee entsteht ein neues Kraft-Zentrum.

Das gibt es nur einmal: Am 12. Juni 2000 startet um zehn Uhr ein Sportereignis der Superlative. Direkt am Flughafen Kopenhagener-Kastrup, wo die feste Öresund-Querung einen Anfang und ein Ende haben wird, gehen nach Schätzungen der Organisatoren mehrere Zehntausend Läufer an den Start des "Broloppet". Verlaufen können sie sich nicht: Durch den 3 510 Meter langen Unterwassertunnel erreicht man die künstliche Insel Pepparholm mitten im Öresund. Nach gut vier Kilometern "an Land" beginnt dann die wohl anstrengendste Etappe über die insgesamt 7 845 Meter lange Brückenkonstruktion. Etwa auf halbem Weg können die sportlichen Dänen und Schweden von der Schrägseil-Hochbrücke aus mehr als 60 Meter Höhe ein phantastisches Panorama genießen.

Was am Pfingstmontag erlaubt ist, kostet ab dem 1. Juli 2000 ein saftiges Bußgeld. Nur im Notfall darf auf diesem Abschnitt der Autobahn E 20 angehalten oder gar ausgestiegen werden. Denn dann sollen täglich 12 000 Fahrzeuge - was für Brücken und Tunnel ja typisch ist - in die eine oder andere Richtungen rollen. Das Verkehrsaufkommen wurde bewusst so niedrig veranschlagt. Realistischer dürften jedoch inoffizielle Prognosen von bis zu 40 000 Fahrzeugen sein, die nicht zuletzt mit dem unerwartet hohen Verkehr auf der vor gut einem Jahr eröffneten Querung über den Großen Belt argumentieren.

Das Meisterstück der Ingenieurkunst wird nicht nur die Verkehrsströme verändern - die gesamte Öresund-Region ist im Wandel begriffen. Mit unzähligen Projekten und Initiativen werden grenzüberschreitend die Insel Seeland mit Kopenhagen auf dänischer Seite und die Region Schonen mit den Städten Malmö und Lund auf schwedischer Seite verbunden. "Das ist eine in dieser Form weltweit einmalige Zusammenarbeit", sagt Per Tryding, Sprecher der südschwedischen Industrie- und Handelskammer. Für die 3 000 freiwilligen (!) Mitgliedsunternehmen sei der "Brückenschlag zum Kontinent" eine Riesenchance. Aber der Verbindung aus Stahl und Beton sollen viele weitere auf wirtschaftlichem, wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet folgen. Bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit geht die Kammer mutig voran. Bereits 1995 gründete sie mit der dänischen Handelskammer eine gemeinsame Organisation: Öresund Business Integration. Der Name ist Programm. Dort finden Unternehmer Informationen und eine helfende Hand. Weil die Zusammenarbeit in den letzten Jahren so gut geklappt hat, werden jetzt Nägel mit Köpfen gemacht: Die Gründungsurkunde für eine dänisch-schwedische Industrie- und Handelskammer könnte Anfang November unterschrieben werden.

Auch Mats Bruzaeus, Chef der Wirtschaftsförderung der Stadt Malmö, versteht sich als Brückenbauer. Sein Team sorgt seit zwei Jahren für ein investorenfreundliches Klima in der drittgrößten schwedischen Stadt. Er ist sich sicher, dass Malmö von der Entwicklung der Region profitieren und an Bedeutung gewinnen wird: "Die Stadt liegt genau am richtigen Ort in Europa und hat Konzepte, denen die Zukunft gehört".

Bereits heute gibt es beispielsweise eine gemeinsame Hafengesellschaft der schwedischen Provinz- und der dänischen Landeshauptstadt, die ihren Sitz in Malmö hat, deren Direktor aber in Kopenhagen residiert. Und die elf Universitäten und Hochschulen in der Region werden eines Tages eine Öresund-Universität mit 120 000 Studenten bilden, blickt der Wirtschaftsförderer voraus.

Positive Veränderungen

Dass Investoren und Unternehmen hier gute Bedingungen vorfinden, bestätigt auch Daniel Probst Wek von der Research-Abteilung der Gudme Raaschou Bankaktieselskab, Kopenhagen. Die Investmentbank-Tochter der Landesbank Schleswig-Holstein bewertet die Region als "Hot Spot" innerhalb Europas, denn sie liegt strategisch äußerst günstig zwischen Skandinavien und Kontinentaleuropa. Kurze Wege, eine hervorragende Infrastruktur und gut ausgebildetes Personal hat beispielsweise auch die Mercedes Benz-Zentrale von Stockholm an den Öresund gelockt. Für Karsten Riise Kristensen, kaufmännischer Geschäftsführer der dänischen Vertriebsgesellschaft, liegen die Gründe auf der Hand: "Wir können von hier den gesamten dänischen und schwedischen Markt bedienen".

Doch auch der ganz normale Alltag wird sich für die Bewohner verändern. Die Öresund-Region dient als EU-Modell für neue Wege der Beschäftigungsförderung. Hier wird grenzüberschreitend Arbeit vermittelt. Das ist möglich, weil mit der Öffnung der neuen Querung das Pendeln von der einen Seite des Sundes zur anderen um einiges unkomplizierter und schneller wird. Und auch die Wohnungssuche "auf der anderen Seite" wird ab dem Jahr 2000 keine Zukunftsmusik mehr sein.

Für deutsche Reisende bedeutet die Eröffnung der Öresund-Verbindung eine beachtliche Zeitersparnis. Für die Strecke Hamburg - Malmö über die Vogelfluglinie Puttgarden - Rødby und die neue Querung benötigt man ab dem Sommer nächsten Jahres nur noch fünf statt bisher zirka sechs Stunden. Die Strecke Berlin - Malmö über Rostock und Gedser kann man zukünftig schon in sechseinhalb Stunden zurücklegen. Die Freigabe von Brücke und Tunnel für den Verkehr wird bei den existierenden Fährverbindungen zwischen Schweden und dem europäischen Kontinent kaum zu Veränderungen führen, teilten die Gesellschaften auf Anfrage übereinstimmend mit.

Eine echte Konkurrenz stellt die Brücken-Tunnel-Kombination jedoch - trotz einer bis zu 50 Kilometer längeren Fahrstrecke in Schweden - für die Fährverbindungen von Helsingør nach Helsingborg sowie für den Eisenbahnverkehr dar. Auf der anderen Seite wird die Öresund-Verbindung die Wirtschaftskraft der Region stärken und so zusätzlichen Lkw- und Trailer-Verkehr zwischen Dänemark und Deutschland generieren. Mit messbaren Zuwächsen rechnet Jørgen Jensen, Linien-Manager für die Route Rostock-Gedser bei Scandlines AG. Wenn im nächsten Jahr die neue Schnellfähre der dänischen Reederei BornholmsTrafikken auf der Route Ystad-Rønne in Betrieb geht, rückt Bornholm durch die Öresund-Querung auf etwa drei Stunden an Kopenhagen heran. Das macht dann für einen Teil der bisher über Sassnitz reisenden Passagiere den Weg von Deutschland über Dänemark und Schweden nach Bornholm attraktiv, rechnet die Marketingchefin von BornholmsTrafikken, Eddi ørpe, vor.

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