Politik : Die Ohren der Supermacht

Helmut Trotnow

Der offizielle Name der amerikanischen Militäranlage in Berlin war eher nichtssagend: The US Army Field Station Berlin. Die Berliner Bevölkerung gebrauchte denn auch die geographische Angabe, wenn sie von der Anlage sprach. Für sie war es der "Teufelsberg". Dass es sich dabei um eine höchst wichtige Einrichtung handeln musste, verrieten allein schon die erheblichen Sicherheitsvorkehrungen. Gigantischen Golfbällen gleich schwebten die riesigen Radome über dem Horizont der Stadt und erinnerten daran, dass hier der Ost-West-Konflikt täglich ausgetragen wurde. Doch was die eigentliche Funktion der Anlage war, wer betrieb sie und mit welchen Zielen?

Jetzt endlich bringt die Veröffentlichung des Amerikaners James Bamford etwas Licht in das Dunkel. Der Experte in Sachen Nachrichtendienste hat die Geschichte der National Security Agency, kurz NSA, umfassend aufgearbeitet. Angesichts der Materialfülle darf man von einer Sensation sprechen. Er zitiert Akten, die bisher der höchsten Geheimhaltungsstufe unterlagen, und konnte Zeitzeugen befragen, die an führender Stelle tätig gewesen sind. "Die NSA", heißt es an einer Stelle, "besitzt mehr Geheimnisse als die CIA, das Außenministerium, das Pentagon und alle anderen Regierungsbehörden zusammen." Ein Urteil, das wohl zutrifft.

Im Vergleich zur NSA ist die CIA eine öffentliche Einrichtung. Nicht umsonst sprachen Kritiker spöttisch davon, die Abkürzung NSA bedeute eigentlich "No Such Agency", was soviel heißt wie eine Organisation, die es gar nicht gibt. Das Hauptquartier an der Autobahn zwischen Washington und Baltimore sucht man auf der Landkarte vergeblich. Zu Recht trägt es den Beinamen "Crypto City", denn hier befindet sich das Zentrum der Kryptologie, also jener Wissenschaft, die sich mit der Entschlüsselung von Geheimsprachen und -schriften befasst.

Strombedarf einer Großstadt

Bamford bezeichnet die Tätigkeit von NSA höflich als "Lesen fremder Post". Jeder Staat benutzt für seine interne Kommunikation geheime Wege und Mittel. Kennt man diese Kommunikation, kennt man auch seine Intentionen und Ziele. Um an diese Kommunikation heranzukommen, entwickelte die NSA im Laufe des Kalten Krieges ein weltweites Netzwerk von Abhöranlagen und Funkaufklärungstellen. Die riesigen Radome waren gefüllt mit Antennenanlagen, um die Funkkommunikation der östlichen Seite abzuhören. Der Sichtschutz sollte verhindern, dass die Experten der Gegenseite aufgrund der Antennen sofort erkennen konnten, welche Art von Kommunikation angepeilt werden sollte. Die Vereinigten Staaten wollten nie wieder so unvorbereitet sein wie etwa 1941 in Pearl Harbour oder 1948/9 mit der Berlin-Blockade.

Bamford macht indirekt deutlich, wie rasant, ja geradezu dramatisch die Entwicklung der modernen Kommunikation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlaufen ist. Als William Frederick Friedman im Juni 1930 seine kryptologische Arbeit in Washington aufnahm, passten Personal, Ausrüstung und Akten "bequem in einen 25 Quadratmeter großen Tresorraum". Sechzig Jahre später, am Ende des Kalten Krieges, arbeiteten im Hauptquartier der NSA an die 40 000 Menschen. Hinzukamen rund 250 000 Mitarbeiter, die im weltweiten Netz tätig waren. Das riesige Hauptquartier, dreimal so groß wie die CIA-Zentrale in Langley, besteht aus 60 Gebäuden mit Büros, Lagerhallen, Fabriken, Labors und Wohnungen. Allein der Strombedarf kann mit jeder mittleren Großstadt in den USA konkurrieren.

Warum? Hier befindet sich "die weltweit größte Ansammlung extrem leistungsstarker Computer". Arbeit und Forschung gingen Hand in Hand. Computer wurden entwickelt, die im Idealfall eine Quadrillion - eine Eins mit 24 Nullen - von Operationen pro Sekunde ausführen konnten. Geschwindigkeit war entscheidend. "Ein Schlüsselelement beim Codeknacken, ist die Fähigkeit, den codierten Text mit jeder vorstellbaren Kombination der Buchstaben des Alphabets auszuprobieren", schreibt Bamford.

Seine Darstellung reicht bis in die Gegenwart. Das Computersystem "Echelon", das bei uns eine heftige Debatte über angebliche Spionageaktivitäten der US-Regierung für die eigene Wirtschaft auslöste, wird ausführlich behandelt. Die Darstellung ist keineswegs unkritisch gegenüber der eigenen Regierung. "Es stimmt, meine kontinentaleuropäischen Freunde", zitiert Bamford den Ex-CIA-Direktor James Woolsey, "wir haben euch ausgespäht, weil ihr Bestechungsgelder zahlt. Eure Regierungen stecken mit euch so sehr unter einer Decke, dass man Bestechungsgelder in mehreren europäischen Ländern noch immer von der Steuer absetzen kann." Laut Bamford gibt es "keine Beweise" dafür, dass die NSA für die Interessen der US-Wirtschaft eingesetzt wird.

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft

Die moderne Kryptologie begann im Zweiten Weltkrieg. Damals schufen Briten und Amerikaner die technischen und mathematischen Grundlagen, um mit Hilfe von Großrechnern die deutschen und japanischen Geheimcodes zu entschlüsseln. Die erfolgreiche Zusammenarbeit wurde nach dem Krieg fortgesetzt und am 5. März 1946 mit einem offiziellen Abkommen besiegelt. Britische Einheiten waren ebenfalls auf dem Teufelsberg tätig gewesen. Der große Widersacher war nun aber die Sowjetunion. Die konkrete Aufgabe lautete, "das raffinierte Verschlüsselungssystem der Sowjetunion zu brechen und ihre geheimsten Meldungen abzuhören". Ob zu Wasser und zu Lande oder in der Luft, wer, wo und wie auch immer in den vergangenen 50 Jahren miteinander kommunizierte - die NSA war dabei und hörte zu.

Eine gefährliche Arbeit. Allein in den 50er Jahren verloren mehr als 200 Angehörige der Air Force ihr Leben bei Einsätzen über der Sowjetunion. Seit 1996 gibt es in Crypto City ein Denkmal mit den Namen jener 152 Kryptologen, Abhörfunker und Analytiker, die im Dienst ihr Leben ließen. Dazu gehört auch James T. Davis, der erste amerikanische Soldat, der im Vietnamkrieg getötet wurde. Der Vietnamkrieg wurde zu einem Desaster für die USA, weil die führenden Militärs die NSA-Arbeit als "Schnick-Schnack" ansahen. Die elektronische Aufklärungsarbeit blieb ihnen fremd. Dabei wurden die großen Offensiven des Vietcong präzise vorausgesagt.

Dennoch. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der explosionsartigen Vermehrung von Informationen sieht Bamford auch das Ende der Arbeit von NSA in ihrer bisherigen Form gekommen. "Wir besitzen die Fähigkeit, Berge von Daten zu beschaffen, die wir nie analysieren können", zitiert er Robert Gates, den letzten CIA-Direktor aus der Zeit des Kalten Krieges. Quantität kann eben die Qualität nicht ersetzen.

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