Politik : Die Opposition im Reich Milosevics ist so schwach wie zerstritten (Meinung)

Stephan Israel

Serbien droht ein heißer Herbst. Die Opposition will am 19. August den Protest von der Provinz in die Hauptstadt bringen. Und im September soll mit einem Generalstreik das ganze Land lahm gelegt werden. Die Regimegegner brauchen einen Erfolg, sie brauchen diesen Erfolg. Denn bisher ist der erwartete Lawineneffekt ausgeblieben, von einer Mobilisierung der Gegner Milosevics kann keine Rede sein. Die Kundgebungen draußen in der Provinz dümpeln bisher mit ein paar tausend bis höchstens 20 000 Teilnehmern vor sich hin.

Die Opposition im Reich von Slobodan Milosevic leidet noch immer an der alten Krankheit: Ihre Exponenten sind miteinander im Clinch und verlieren manchmal ob der Streitigkeiten das eigentliche Ziel aus den Augen. Da ist einerseits die "Allianz für den Wechsel" mit Zoran Djindjic an der Spitze. Jetzt hat man zwar noch Dragoslav Avramovic, der es als Chef der Nationalbank zu einiger Popularität gebracht hat, als Galionsfigur an Bord geholt. Avramovic soll nach einem Milosevic-Rücktritt eine Übergangsregierung anführen. Doch der "Opa", wie ihn viele liebevoll nennen, ist schon 82 Jahre alt und zudem gesundheitlich reichlich angeschlagen.

Auf der anderen Seite steht Vuk Draskovic, der bärtige Chef der "Serbischen Erneuerungsbewegung". Er spricht vom Marsch durch die Institutionen und plant angeblich den "sanften Machtwechsel". Doch die Skeptiker in Belgrad sind sich noch immer nicht sicher, ob sich der wendige Nationaldichter jetzt tatsächlich für die Opposition - oder doch für das Regime entschieden hat. Die Dritten im Bunde sind die Ökonomen von der "Gruppe 17". Auch sie sehen den Milosevic-Rücktritt als Voraussetzung für den Neuanfang. Für den Tag danach planen auch sie eine Übergangsregierung, von der Oppositionspolitiker aber bis zu freien Wahlen ausgeschlossen bleiben sollen.

Kandidaten für Ministerposten und potenzielle Regierungschefs gibt es zuhauf. Doch was tun, wenn Milosevic und seine Getreuen nicht "freiwillig" abtreten wollen? Jugoslawiens "starker Mann" hat bisher weder Zeichen der Schwäche noch der Kompromissbereitschaft an den Tag gelegt. Ebenso wie man patriotisch das Land gegen die "Nato-Aggression" verteidigt hat, will man jetzt im Alleingang den Wiederaufbau des ruinierten Land schaffen. Doch immer weniger wollen der Propaganda von Serbiens heroischem Alleingang Glauben schenken.

Löhne und Renten sind auf lächerliche 90 Mark pro Monat gesunken. Vor allem die Angst vor dem herannahenden Winter ist groß. Viele Haushalte werden in der kalten Jahreszeit ungeheizt bleiben, weil die Elektrizitätswirtschaft nicht ausreichend Strom wird liefern können. Und immer mehr zeigen mit dem Finger auf Slobodan Milosevic und machen Jugoslawiens Präsidenten für die Misere verantwortlich. Selbst die serbisch-orthodoxe Kirche und ein ehemaliger Generalstabschef haben sich auf die Seite der Opposition geschlagen.

Milosevic kann vorerst noch auf die loyalen Polizeikräfte, auf seine sozialistische Partei und auf die Armee zählen. Das Regime steuert scheinbar unaufhaltsam auf eine Konfrontation mit dem unzufriedenen Volk zu. Bisher haben die Sicherheitskräfte die Demonstranten in der Provinz weitgehend gewähren lassen. Sollte der Protest auch auf die Hauptstadt übergreifen, könnte sich dies schnell ändern und wüste Straßenschlachten sind nicht auszuschließen.

Dabei droht Slobodan Milosevic auch an einer anderen Front spätestens im Herbst zusätzliches Ungemach: Montenegros westlich orientierte Reformer unter Präsident Milo Djukanovic wollen die ungleiche Beziehung mit Serbien im jugoslawischen Bundesstaat neu regeln. Djukanovic und seine Mannschaft pochen mit wachsendem Selbstbewusstsein auf Gleichberechtigung mit dem mehr als zehnmal größeren Serbien. Man spricht davon, dass der jugoslawische Bundesstaat reformiert werden müsse und weiß dabei genau, dass dies mit Milosevic nicht möglich sein wird.

Die Verhandlungen werden ohnehin nur geführt, weil die internationale Gemeinschaft eine überstürzt ausgerufene Unabhängigkeit Montenegros keineswegs begrüßen würde. Ein Scheitern der bilateralen Gespräche zwischen den ungleichen Partnern ist jedoch absehbar. Belgrad will der aufmüpfigen Schwesterrepublik keinerlei Macht abtreten. Und in der montenegrinischen Hauptstadt sind die Weichen für den Alleingang ohnehin schon seit einiger Zeit gestellt.

Bereits im Herbst könnten deshalb die Pläne für eine montenegrinische Währung konkretisiert werden. Das Regime in Belgrad wird wieder einmal die Notenpresse in Betrieb setzen müssen, um der Misere und der wachsenden Unzufriedenheit zumindest kurzfristig Herr werden zu können. Aber den Preis der Inflation, die dann unweigerlich explodieren wird, will man in Montenegro nicht länger mitbezahlen.

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