Politik : Die Opposition in Belgrad macht für den Massenprotest mobil

Stephan Israel

Die Zeit der "Straßentheater" sei vorbei, hat der jugoslawische Informationsminister Goran Matic schon im Vorfeld der Kundgebung vom Montagnachmittag eine härtere Gangart angekündigt. Der Hardliner und Milosevic-Vertraute hat dabei vor allem die Studenten von der Widerstandsbewegung "Otpor" im Visier. "Otpor" sei eine Organisation, mit "faschistischer Politik und faschistischen Symbolen". Den jugendlichen Aktivisten drohte er mit Festnahmen, sollten sie an der Kundgebung mit ihrem Symbol, der schwarzen, geballten Faust, auftreten. Das Regime zeigt sich vor allem angesichts des wachsenden Zulaufs, den die relativ neue Widerstandsbewegung überall im Land verzeichnen kann, nervös. Laut eines Sprechers von "Otpor" will die Bewegung bis zu 50.000 Aktivisten mobilisieren. Auch eine ganze Reihe von zum Teil prominenten Vertretern der Opposition hat sich in den letzten Tagen der nicht hierarchisch organisierten Bewegung angeschlossen.

Die serbische Polizei nahm schon am Montagmorgen wieder eine Reihe von Regimegegnern fest, um sie von einer Teilnahme an der Kundgebung am Nachmittag abzuhalten. Rund um Belgrad wurden ganze Busladungen mit Polizisten an Bord gesichtet. Seit der Ermordung des Regierungsstatthalters in der Vojvodina am Samstag sind zahlreiche Aktivisten von "Otpor" zu "Informationsgesprächen" zur Polizeistation gebracht worden. Die Ermittler wollen in der Wohnung des Täters Plakate und Flugblätter von "Otpor" gefunden haben.

Der Versuch, den Mord nach bewährter Manier der Opposition in die Schuhe zu schieben, erscheint allerdings allzu durchsichtig. "Otpor" bereite sich für "terroristische Aktionen" vor und rüste für den "Bürgerkrieg", erklärte auch Dragan Tomic, Präsident des serbischen Parlaments.

Der Machtkreis um Slobodan Milosevic zeigt zunehmend Zeichen von Nervosität. Das hat nicht nur mit der anhaltenden Reihe von mysteriösen Mordanschlägen zu tun. Vergangene Woche musste das Regime in der heimlichen Hauptstadt Pozarevac eine schwere Schlappe einstecken. Die Polizei hatte zwar den Heimat- und Wohnort der Präsidentenfamilie rund eine Fahrtstunde von Belgrad entfernt weiträumig abgeriegelt. Trotzdem kamen selbst in der Hochburg des Autokraten mehr Regimegegner als Anhänger zusammen.

Ein Richter der Kleinstadt Pozarevac entließ offenbar gegen den Willen der politischen Führung inhaftierte Aktivisten und ein Staatsanwalt bat um Versetzung. Auch sonst gibt es zumindest Indizien, dass inzwischen einige im Machtapparat auf Distanz gehen. "Otpor"-Aktivisten und Vertreter der Opposition zeigen sich erstaunt über die bisher meist korrekte Behandlung durch Polizeibeamte, die sich bei vorübergehenden Festnahmen manchmal sogar "entschuldigen". Zu Spekulationen Anlass gibt auch die Verhaftung von zwei gesuchten Kriegsverbrechern auf serbischem Territorium. Die zwei Männer sind von Unbekannten von Serbien verschleppt und jenseits der bosnischen Grenze den Vertretern des Haager Tribunals übergeben worden. In den Reihen der Regimegegner wächst neben der Hoffnung auch die Furcht vor der möglicherweise letzten Runde in der Konfrontation. Oppositionsführer Draskovic rief dazu auf, Milosevic zu "vertreiben" und Serbien zu "befreien". Anhänger, die mit Pistolen in die Luft feuerten, forderte er auf, ihre Munition "aufzusparen".

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