Politik : „Die Orthodoxen fühlen sich bestärkt“

Andre Brie, Vordenker der PDS, über die Folgen von Gregor Gysis Rückzug aus der Politik und die Zukunft seiner Partei

NAME

Herr Brie, Ihnen ist die PDS schon seit längerem zu müde. Schläft die Partei nun, nach dem Rücktritt von Gregor Gysi, ein?

Nein, genau das Gegenteil muss und wird passieren.

Aber wenigstens der Unterhaltungswert der PDS gilt als gefährdet? Im Karl-Liebknecht-Haus sorgt man sich, weil der „kleine Spaßmacher“ fehlt.

Gysi war weit mehr als ein Spaßmacher, er war der intellektuelle Kopf der PDS. Von ihm kam viel Kreativität, Integrationskraft. Nicht nur der Unterhaltungswert fehlt, sondern auch die Leidenschaft der Partei, die als einzige gegen die Marktorientierung der anderen Parteien gegenhalten müsste. Das Engagment in der PDS sollte Spaß machen. Aber das erleben die Leute bei uns zurzeit nicht.

Die Führung verkündet mit Blick auf den Wahlkampf „Jetzt erst recht“. Hört sich das nicht zu sehr nach „Weiter so“ an?

Es wäre fatal, wenn es so wäre. Die PDS braucht einen Erneuerungsschub, sie muss sich darauf besinnen, dass sie für Menschen da ist, die große Hoffnungen in diese Partei gesetzt haben und sie auch sinnlich erleben wollen – und eben nicht vornehmlich mit Papieren und Parolen. Die PDS muss endlich ihre organisatorischen und professionellen Schwächen überwinden.

Wie kann der PDS-Führung mehr Leidenschaft verpasst werden?

Sie einfach zu verpassen, das wird nicht klappen. Ich hoffe, dass die Mitglieder der Führung jetzt begriffen haben, wie sehr es auf sie selbst ankommt, dass man nicht mehr auf gute Umfrageergebnisse hoffen kann oder auf einen Gysi-Bonus. Eigentlich müsste jetzt das Motto eines wunderbaren DDR-Kabarettprogramms gelten: Auf dich kommt es an, nicht auf alle.

Oberwasser verspüren diejenigen, die einen striken Oppositionskurs der PDS verteidigen…

Orthodoxe, rückwärtsgewandte Leute sehen sich bestärkt, leider. Umso wichtiger ist es, dass die Führung der PDS sich nicht mit einem „Weiter so“ begnügt, sondern der Partei einen starken Reformimpuls gibt – und dass die Spitze endlich zu Gemeinsamkeit findet, auch gegen diese Kräfte.

Gysi war das wichtigste Talent beim Parteiaufbau West. Verkümmert die PDS jetzt zur ostdeutschen Regionalpartei?

Nein. Die Gefahren bestehen sogar eher im Osten. Im Westen wird die PDS von einem relativ kleinen Spektrum gewählt – hauptsächlich wegen unserer Anti-Kriegs-Haltung oder aus Enttäuschung über die Sozialpolitik von Rot-Grün. Gregor Gysi ist in den neuen Ländern für junge Leute und für viele – im besten Sinne – einfache Menschen die Brücke in die Gesellschaft gewesen. Jetzt steht die Volkstümlichkeit der PDS auf dem Spiel.

Dafür wird das kulturelle Erbe der SED wieder verstärkt gepflegt?

Die Gefahr ist da, ja.

Das Gespräch führte Matthias Meisner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben