Politik : „Die palästinensische Gesellschaft bricht auseinander“

Peter Hansen, der Generalbeauftragte des UN-Hilfswerks im Nahen Osten, über die Not im Gaza-Streifen, die Verzweiflung der Palästinenser und das Leid der Israelis

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Seit acht Jahren leben und arbeiten Sie im GazaStreifen, einem Gebiet, das bisweilen auch als größtes Open-Air-Gefängnis der Welt bezeichnet wird. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so abends nach Hause kommen?

Anders als die Mehrheit der Bewohner im Gaza-Streifen kann ich mich nach der Arbeit in ein relativ anständiges Appartement zurückziehen, wo ich Essen, Bücher und Elektrizität habe. Von meinem Fenster schaue ich auf Elendshütten und Familien, die in totaler Armut leben. Auf dem Nachhauseweg rede ich oft mit den Leuten. Wenn ich mir vorstelle, wie optimistisch die Palästinenser während der Oslo-Zeit waren. Heute sind sie alle total gestresst und frustriert. Und trotzdem tragen sie ihr Schicksal mit einer bewundernswerten Würde.

Wie sieht die Situation der Leute konkret aus?

Die Bezeichnung des Gaza-Streifens als größtes Open-Air-Gefängnis der Welt kommt der Wirklichkeit ziemlich nahe. Die Leute sind eingesperrt, sie können nirgendwo hingehen – und das schon seit vielen Jahren. Aber auch die Palästinenser in der Westbank sind eingesperrt, zwischen Erdwällen, Zäunen und Straßensperren. Die Situation ist für alle Palästinenser extrem schwierig.

Was ist die Hauptarbeit des UN-Hilfswerks für die palästinensischen Flüchtlinge?

Wir helfen vor allem bei der Gesundheitsversorgung, der Nahrungsversorgung und beim Schulwesen. Aber wir werden bei dieser humanitären Arbeit in vielfältiger Weise durch die israelische Seite behindert. Unsere Mitarbeiter dürfen sich nicht frei bewegen, unsere Ambulanzen oder Nahrungskonvois werden an Checkpoints festgehalten und dürfen nicht passieren.

Warum macht Israel das?

Es gibt auch aufgeklärte Leute in der israelischen Regierung, die sehen, dass es im Interesse Israels ist, die Leiden von unschuldigen Zivilisten zu verringern. Aber sie können sich leider in der offiziellen Politik nicht durchsetzen.

Wie wirkt sich der neue israelische Sicherheitszaun auf die Arbeit des UN-Hilfswerkes aus?

Der Zaun schafft zusätzliche Belastungen für zehntausende von Palästinensern. Beispielsweise trennt der Zaun Kinder von ihren Schulen und Kranke von Hospitälern. Es sind schon mehrere Menschen gestorben, weil sie wegen des Zauns nicht ins Krankenhaus gebracht werden konnten.

Warum sind die westlichen Regierungen so zurückhaltend, wenn es darum geht, von Israel die Einhaltung von humanitären Mindestpflichten einzufordern?

Natürlich kann niemand ignorieren, dass auch die israelische Seite leidet. Mehr als 800 Israelis wurden getötet, viele mehr verletzt. Die israelische Gesellschaft ist dadurch traumatisiert. Die internationale Gemeinschaft aber müsste stärker als bisher helfen, die Israelis davon zu überzeugen, dass viele ihrer Maßnahmen unvernünftig und kontraproduktiv sind und nicht zu einer langfristigen Sicherheit führen.

Die israelische Seite behauptet, dass viele Attentäter vor allem aus den Flüchtlingslagern kommen. Wie ist dort der Einfluss der Radikalen?

Es ist ohne Zweifel richtig, dass viele Militante aus den Flüchtlingslagern kommen. Sie sind Brutstätten von Verzweiflung, Wut – und folglich auch von Gewalt. Solange diese Lager bestehen, in denen Menschen ohne jede menschliche Würde leben müssen, wird diese Gewalt nicht verschwinden.

Hat die palästinensische Selbstverwaltung noch Einfluss in den Lagern?

Die gesamten zivilen Regierungs- und Verwaltungsstrukturen stehen in den palästinensischen Gebieten vor dem Kollaps. Die öffentliche Ordnung ist nahezu komplett zusammengebrochen. Stattdessen gibt es immer mehr Bandenkämpfe und Schießereien sowie blutige Familienfehden. Die palästinensische Gesellschaft ist dabei, total auseinander zu brechen.

Die Fragen stellte Martin Gehlen.

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