Politik : Die Panzer vor Augen

Ein Reporter hat heimlich den Aufstand am 17. Juni 1953 fotografiert – 50 Jahre danach veröffentlicht der Tagesspiegel erstmals seine Bilder

Jürgen Dobberke

„Naht ihr euch wieder, rasselnde Gestalten, furchterregende, kaum verwüstliche Panzerschildkröten, die ihr mich 1941 als 17jährigen Kanonier bei 46 Grad Kälte vor Moskau über die Wolga getrieben habt? Jetzt, nur zwölf Jahre danach, kann ich sogar in eure dunklen Geschützrohre blicken, und das mitten im wild schlagenden Herzen Berlins an einem sonnigen warmen 17. Juni 1953.“

So schrieb ich damals als Reporter der Zeitung „Der Tag“, als ich die mächtigen T-34- Panzer in den Straßen meiner Stadt sah. Und nun haben wir 2003, ein halbes Jahrhundert danach! Die Erinnerung verblasst, die Fotos verstaubten unveröffentlicht im Schrank, gerieten fast in Vergessenheit. Manche Bilder sind gar nicht mehr zu finden. Aber ich weiß noch genau, wie alles anfing:

Seit 1948 war ich Gerichtsreporter – auch bei den Schauprozessen im Osten Berlins. Als ich am Morgen des 16. Juni hörte, was da so in Ost-Berlin los war, machte ich mich von der Redaktion des „Tag“ in der Reichsstraße auf in den „demokratischen Sektor“. Dort erlebte ich tatsächlich etwas Demokratisches, etwas Ungeheuerliches: Demonstrationen. Nicht mit roten Fahnen, Bonzenbildern und all dem Einheitsklamauk, der sonst angeordnet durch die Straßen zog, sondern wütende Proteste der Menschen.

Für mich war dieser 16. Juni eindrucksvoller als der Militäraufmarsch am folgenden 17. Juni. An diesem Tag stieg ich wieder am U-Bahnhof Prinzenstraße aus und steuerte nach Norden, in die Mitte der Stadt. Mittags kam ich in das wüste Getümmel dieses Tages. Zwischen Koch- und Leipziger Straße machten T-34-Panzer Jagd auf Menschen, auf Tausende von Zivilisten, die in Querstraßen flüchteten. Die Sowjetsoldaten schossen mit ihren Maschinengewehren über die Menschenmassen hinweg, die Kugeln flogen in die kahlen Brandmauern, so dass die Ziegel von den Fassaden spritzten. Die Menschen auf den Straßen flüchteten auch in die Ruinen, kamen zurück, versuchten sich zu wehren – es waren nicht nur die berühmten Bau- oder Stahlarbeiter, auch viele Alte, viele Mädchen. Soweit ich erkennen konnte, waren nur wenige West-Berliner dabei.

Ich holte meine Kamera Marke Retina aus der Tasche und hielt das Chaos rund um die ausgebrannten Häuserblocks fest. Kamera raus, Auslöser gedrückt, Klappbalg zu – und der Fotoapparat verschwand wieder unauffällig wie eine Brieftasche im Regenmantel. Ich habe mich dann nach Norden über die Oranienburger Straße auf West-Berliner Gebiet zurückgezogen, vorbei an gestürmten Parteigebäuden und lachenden Menschen mit irgendwelchen Trophäen daraus, ohne zu ahnen, dass hinter mir der Ausnahmezustand ausgerufen und so etwas wie ein Vorläufer der berüchtigten Mauer aufgebaut wurde – zunächst aus T-34-Panzern und schwer bewaffneten Uniformierten.

Am Abend habe ich gehört, dass, während ich im Ostsektor unterwegs war, das Columbushaus am Potsdamer Platz abbrannte, dass am ehemaligen „Haus Vaterland“ auf West- Berliner geschossen wurde und ein willkürlich aufgegriffener Mann standrechtlich erschossen wurde. Erst später habe ich erfahren, was meine Fotos wirklich bedeuteten.

Der Autor war 1953 Gerichtsreporter der Berliner Tageszeitung „Der Tag“.

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