Politik : …die Pointe fehlt

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Lachen ist eine Grundform menschlicher Ausdrucksbewegungen, der eine gehobene Stimmmungslage zugrunde liegt. Sagt der Brockhaus. Aber wie man es zuverlässig auslöst – davon haben auch die dicksten Lexika keine Ahnung. Ob wir Harald Schmidt für Gott oder nur einen intellektuellen Langweiler halten, das scheint genetisch geprägt zu sein; eine der ergreifendsten Geschichten zum Thema stammt von Woody Allen, der seinen Fensterputzer ins PantomimeTheater einlädt und ratlos auf das Bühnengeschehen starrt – während sich der Fensterputzer mit dem Gummiwischer die Lachtränen aus dem Gesicht holt.

Damit wären wir auch schon bei Helge Schneider, der die Bühnen einst als „singende Herrentorte aus dem Ruhrgebiet“ betrat und sie seitdem nicht wieder verlassen hat. Allein das Stichwort „Katzeklo“ reicht völlig aus, um Fans in bodenlose Verzückung zu versetzen, während Verächter ratlos in die Runde blicken. Was ist denn mit dem Katzenklo? Am Sonntag hat Schneider in Hamburg auf der Bühne einen seiner üblichen Triumphe gefeiert, heute feiert er seinen 50.Geburtstag, und wir wollen vorsichtshalber ein wenig gratulieren.

Wozu? Schwer zu sagen. Möglicherweise zur Erfindung des umgekehrten Humorprinzips, das kein anderer Bühnenkünstler so souverän beherrscht. Der Trick besteht darin, eine mit potenziellen Witzen bis zum Platzen aufgeladene Atmosphäre zu schaffen – und den Witz selbst garantiert nie folgen zu lassen. Möglicherweise steckt darin ein Äquivalent zur Kunst Gerhard Schröders, die ihren Höhepunkt in der so genannten Politik der ruhigen Hand gegen Ende des Jahrtausends fand. Das ganze Land wartete mit extremer Spannung darauf, dass sich im Bundeskabinett Politik ereignen würde, aber es kam keine. Nicht die Spur! Dass Schröder trotzdem wiedergewählt wurde, entsprach also dem Lachorkan, der unweigerlich ausbricht, wenn es wieder einmal heißt: Katzeklo, Katzeklo, ja, das macht die Katze froh.

Zugegeben: Schneider ist alles andere als ein Ein-Hit-Wunder. Das tiefgründige „Fitze, Fitze, Fatze“ oder das noch tiefere Lied mit dem orthografisch wie inhaltlich speziellen Refrain „Tu mal lieber die Möhrchen“, das gleichwohl mit seiner gegen das Marihuana gerichteten Botschaft kläglich scheiterte – all das sind Artefakte und Menetekel einer in sich zerrissenen Gesellschaft, die orientierungslos… Ah, lassen wir das lieber. Am Ende einer Helge-Schneider-Glosse eine Pointe – das wäre nun wirklich zu viel verlangt. bm

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