Politik : Die Regierungspartei sucht einen Kandidaten - per Demokratie

Sigrun Rottmann

"Madrazo" nennen die Mexikaner einen Schlag, der sitzt. Roberto Madrazo macht seinem Namen alle Ehre, auch wenn er als Politiker nur verbal austeilt. Seine Beleidigungen gelten vor allem Francisco Labastida, dem Parteigenossen und Gegenspieler in einem für Mexiko historischen Wahlkampf: Die regierende Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) ruft erstmals seit ihrer Gründung und Machtübernahme vor 70 Jahren Mitglieder und alle interessierten Mexikaner an die Urnen, um ihren Kandidaten für den höchsten Regierungsposten zu bestimmen.

Im Frühjahr hatte die Parteiführung beschlossen: Vorbei sein sollte es mit der Tradition des "Dedazo", des Fingerzeigs, mit dem amtierende Präsidenten ihren Nachfolger ernannten. Die Wahl des mexikanischen Staats- und Regierungschefs im Juli 2000 rückte näher, die erstarkende Opposition wurde der PRI gefährlich - da wollte sie mit einer "gleichberechtigten, gerechten und demokratischen" Wahl des Spitzenkandidaten ihren Modernisierungswillen beweisen.

Um die Gunst der Wähler wirbt ein Kandidaten-Quartett, von der Presse auch "Die Fantastischen Vier" genannt. Manuel Bartlett und Humberto Roque haben allen Meinungsumfragen zufolge keine Chance mehr, Madrazo und Labastida am Sonntag einzuholen.

Letztere liegen offenbar Kopf an Kopf, weshalb sie sich in den vergangenen Wochen noch mehr als zuvor um die Diskreditierung des jeweils anderen bemühten. Sie bezeichneten sich gegenseitig als Pinocchios, Lügner, Stimmenkäufer, Geldverschwender und Versager sowie als Günstlinge von Ex-Präsident Carlos Salinas, was in Mexiko als schlimme Beleidigung gilt.

PRI-Chef Antonio Gonzalez versuchte mehrmals, die Streithähne zur Räson zu bringen. Rufe nach einer "Auseinandersetzung um politische Ideen und Konzepte" blieben ergebnislos. Stattdessen forderte Madrazo, unterstützt von Bartlett und Roque, Gonzalez zum Rücktritt auf. Labastida sei der Favorit der Parteioberen, behauptete der 47-Jährige. Als solcher könne sich sein Konkurrent auf die Hilfe der PRI-Maschinerie verlassen; von Gleichberechtigung könne keine Rede sein.

Präsident Ernesto Zedillo und Gonzalez stritten ab, sie hätten Labastida hintenherum doch per "Dedazo" zum Kronprinz ernannt. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass zahlreiche PRI-Politiker Zedillos ehemaligen Innenminister als Garant für Kontinuität ansehen und Madrazo vorziehen. Labastida selbst brüstete sich Anfang Oktober mit der Unterstützung zahlreicher Gouverneure, Minister und PRI-Gewerkschaften.

Indem er seinen 57-jährigen Gegenspieler als unbeweglichen Technokraten hinstellte, versuchte Madrazo, sich als Rebell und wahrer Vorkämpfer der Demokratie zu profilieren. Der bisherige Gouverneur des Bundesstaates Tabasco hat auch wiederholt versichert, aus einer "sauberen" Wahl könne nur er als Sieger hervorgehen.

Um einer Anfechtung des Ergebnisses vorzubeugen, setzt die manipulationserprobte PRI sogar Kontrollinstrumente ein, die die Partei für Präsidentschaftswahlen bisher ablehnte. Die Kandidaten Madrazo und Labastida, die ihrer politischen Karriere beide schon mehrmals per Wahlbetrug auf die Sprünge geholfen haben sollen, haben zusätzlich jeweils Zehntausende Anhänger beauftragt, über Stimmabgabe und -auszählung zu wachen.

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