• Die Rentner irren, wenn sie glauben, sie hätten einen Anspruch auf steigende Renten (Kommentar)

Politik : Die Rentner irren, wenn sie glauben, sie hätten einen Anspruch auf steigende Renten (Kommentar)

Richard Schröder

ie Demonstration der Rentner hat bei mir einen faden Nachgeschmack hinterlassen. Dass sie dem Kanzler vorhalten, er habe im Wahlkampf die nettobezogene Rente garantiert, jetzt aber mache die Regierung andere Vorschläge, kann ich nachvollziehen. Dass sie aber eine befristete Rentenerhöhung um die Inflationsrate zurückweisen und darauf pochen, dass sie ihre Ansprüche durch Beitragszahlung erworben hätten, belegt ihre Unkenntnis.

Die Idee der Rentenversicherung war: Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen denselben Betrag ein. Das Eingezahlte wird später den Rentnern ausgezahlt. Versicherung heißt dabei: Das Risiko der unterschiedlichen Lebenserwartung wird verteilt statt jedem denselben Betrag zur Verfügung zu stellen, egal wie lange er lebt. Eine nettolohnbezogene Rente ist das nicht, denn nettolohnbezogen heißt: Die Rentenhöhe wird an die Entwicklung der Einkommen der Berufstätigen angeglichen, also nicht nach den eingezahlten Beiträgen der Rentner bemessen.

Diese Idee der Rentenversicherung musste aufgegeben werden, weil durch die beiden Weltkriege zweimal das Währungssystem zusammengebrochen ist, durch Inflation und durch Währungsreform. Der Rententopf wurde beide Mal geleert. Deshalb die Idee des Generationenvertrags: Die Renten werden nicht aus den Beiträgen aus der Arbeitszeit der Rentner bezahlt, sondern aus den Beiträgen der Berufstätigen. Und weil in und nach den Wirtschaftswunderzeiten die Einkommen kontinuierlich stiegen, wurde der Gedanke geboren, die Rentner teilnehmen zu lassen an dem höheren Einkommen, das die Berufstätigen genossen. Das war im Sinne der Gerechtigkeit gut, hieß aber auch, den Rentnern mehr zu geben, als sich aus ihren Beiträgen errechnet hätte.

Die Idee des Generationenvertrags wird absurd. Wir müssen sie verabschieden. Die Lebenserwartung steigt, und die Zahl der Kinder sinkt kontinuierlich. Wenn zwei Berufstätige einen Rentner finanzieren müssen, mag das noch gehen. Wenn ein Berufstätiger zwei Rentner finanzieren muss, wird der Generationenvertrag zur Ausbeutung der Berufstätigen.

Vor der Französischen Revolution kursierte eine Karikatur, die einen Bauern zeigt, der auf seinem Rücken Adel und Klerus trägt. So ähnlich stelle ich mir einen Berufstätigen vor, der zwei Rentner ernähren muss. Das haut nicht hin. Den jungen Leuten ist das nicht verborgen geblieben. Nicht wenige sagen: Dieses Rentensystem geht den Bach runter, ich werde eine Art von Selbständigkeit finden, bei der ich meine Altersversorgung anders sichere als über dieses marode System. Die Folge: noch ein Berufstätiger weniger, der in den Generationenvertrag einzahlt.

Es gibt Problemlösungen. Zum Beispiel die steuerfinanzierte minimale Grundrente, für alles weitere ist jeder persönlich verantwortlich. Die Gefahr: Wer sein Geld verpulvert, fällt im Alter der Gemeinschaft zur Last. Schlendrian lohnt sich. Eine andere Lösung wäre die Rückkehr zur Rentenversicherungsidee, wie sie zum Beispiel in den USA selbstverständlich ist: die Rente bemisst sich nach den eigenen Beiträgen plus Zinsen. Das Problem ist: Wie kriegt man den Systemwechsel hin? Die Berufstätigen bezahlen die Renten der Rentner und noch ihre eigene Rente. Das wäre die Tyrannei der Alten. Der zuständige Minister hatte einen klugen Vorschlag gemacht: sukzessiver Einstieg in den Systemwechsel. Ein paar Prozent des Rentenbeitrags gehen nicht in den Generationenvertrag, sondern in einen Pensionsfond. Die Empörung war gewaltig: "Zwangssparen" und ähnlichen Unfug konnte man hören.

Richtig: Die SPD kann ein Wahlversprechen nicht einhalten. Wer aber die Einhaltung fordert, erweist sich als unmündiger Bürger. Da niemand alt sein will, haben viele Alte auch den Anspruch auf Weisheit und Umsicht freiwillig fahren lassen. Sie weigern sich, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Der Generationenvertrag hat keine Zukunft. Zwei Jahre Rente mit Inflationsausgleich ist keine Zumutung, sondern zwei Jahre Verzicht auf eine unverdiente Wohltat.

Der Autor lehrt Theologie an der Humboldt-Universität. Er war Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion in der freigewählten letzten Volkskammer.

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