Die Rhetorik der Kanzlerin : Angela Merkel - vom Tintenfisch inspiriert

Sie hätte sagen können: "Über die Kandidatur entscheide ich später". Hat sie aber nicht. Warum Bundeskanzlerin Angela Merkel lieber Sprachgirlanden windet. Eine Glosse

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Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich im ARD-Sommerinterview auch zu einer möglichen weiteren Kanzlerkandidatur. Foto: AFP
Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich im ARD-Sommerinterview auch zu einer möglichen weiteren Kanzlerkandidatur.Foto: AFP

Der Stil! Unverkennbar. Charakteristisch wie eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. „Also, über die Frage, wie ich mich bezüglich einer weiteren Kandidatur entscheide, werde ich zum gegebenen Zeitpunkt ja dann auch Bericht erstatten oder die Aussage machen.“ Erkannt? Weiter: „Wobei ich nur noch mal sagen will: Ich hab auch noch zu keinem Zeitpunkt gesagt, wann ich es wollte oder nicht wollte. Also: zum gegebenen Zeitpunkt.“

Das Zitat ist ein wenig verfälscht – da stand eigentlich „Kanzlerkandidatur“. Aber das Wort ist absolut nicht notwendig, um zu erkennen, dass hier Angela Merkel ihre Sprachgirlanden windet, wie nur sie es kann. Liest man es, wirken diese sich gegenseitig auslöschenden Halbsätze, als wolle sich eine Jungfrau im Dirndl einem Antrag auf Verlöbnis im gegenseitigen Einvernehmen entwinden. Hört man es, wirkt es, nun ja ... auch nicht anders.

Hier formuliert ein Machtmensch ohne rhetorischen Ehrgeiz

Im Ernst: Hier formuliert ein Machtmensch, der jeglichen rhetorischen Ehrgeiz hinter sich gelassen hat. Im Grunde hat sie wieder nur Journalisten abtropfen lassen, die eine naheliegende Frage zum falschen Zeitpunkt gestellt haben. Aber sie weiß, dass ihre Äußerungen so oder so ungeschnitten gesendet und in allen interessierten Parteizentralen von studierten Historikern exegiert werden wie verstaubte Schriftrollen aus einem Wüstengrab. Was könnte die Kanzlerin nun wieder gemeint haben?

Ihre Antwort erinnert an einen Tintenfisch und dessen Technik, sich in einer Wolke aus schwarzer Farbe vom Hof zu machen. Im Gegensatz zu jenem schafft sie es aber auch noch, trotzdem dazubleiben, schon, um keinen Zweifel an ihrer unerschütterlichen Autorität aufkommen zu lassen. Die sie bekräftigt mit dem Halbsatz: „zum gegebenen Zeitpunkt“. Denn den bestimmt selbstverständlich die Geschichte nach Rücksprache mit der Kanzlerin; die vorwitzigen Fragesteller hätten sich da ja mal vorher sachkundig machen können.

Trotzdem ein Einwand: „Werde ich zum gegebenen Zeitpunkt Bericht erstatten oder die Aussage machen“ – das klingt wie ein verhauenes Polizeiprotokoll. Schöner wäre gewesen, schöner wäre gewesen ... Einfach nur: „Über die Kandidatur entscheide ich später.“ Aber wenn sie mal so geradeaus redet, dann ist sie wirklich amtsmüde.

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