• Die richtige Geste - Der Papst entschuldigt sich für christlichen Antisemitismus (Kommentar)

Politik : Die richtige Geste - Der Papst entschuldigt sich für christlichen Antisemitismus (Kommentar)

Martin Gehlen

Dieser Tag in Jerusalem wird in die Geschichte eingehen. Das Oberhaupt von 800 Millionen Katholiken besucht die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem. In einer bewegenden Feier brachte Johannes Paul II. seine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk und den Opfern des Holocaust zu Ausdruck. Tief betrübt sei er über Hass, Verfolgung und Antisemitismus von Christen gegen Juden, egal wann und von wem verübt, so hieß die genaue Formulierung - fast wortgleich mit dem großen Schuldbekenntnis des Papstes im Petersdom vor anderthalb Wochen.

Dennoch war diesmal vieles anders. Der Ort und der Rahmen der Feier, aber auch der Zusammenhang seiner Rede, verliehen seinen Worten in der Halle des Gedenkens konkreteres Gewicht. Ausführlich sprach Johannes Paul II. von den "unsäglichen Verbrechen" des Holocaust. Ausdrücklich nannte er sich einen Zeitzeugen, der nichts von dem erlebten Horror vergessen habe und der gekommen sei, den jüdischen Opfern des nationalsozialistischen Völkermords die letzte Ehre zu erweisen. In Yad Vaschem redete der Papst nicht mehr von einzelnen verirrten und schuldig gewordenen "Söhnen und Töchtern der Kirche", wie das noch das Vatikandokument "Wir erinnern" von 1998 getan hatte. Welten liegen zwischen dieser ersten Stellungnahme des Vatikans zur Mitschuld der Christen am NS-Völkermord und gestern. Denn in Yad Vaschem schloss Johannes Paul II. nicht nur alle Mitglieder seiner Kirche in das Reuebekenntnis ein, egal ob Laien oder Kleriker. Er bezog sein Bekenntis ausdrücklich auf den Holocaust.

Nur Pius XII., den umstrittenen Papst der Kriegszeit, erwähnte er erneut mit keinem Wort. Johannes Paul II. hat sich immer geweigert, seinen umstrittenen Vorgänger öffentlich zu kritisieren. Was der 79-Jährige in Wirklichkeit denkt, weiß niemand genau. Doch es gibt einige Indizien. So ist seine gesamte päpstliche Amtsführung das absolute Gegenprogramm zu dem defensiven Selbstverständnis von Pius XII.. Geschwiegen hat Johannes Paul II. nie, wenn es darum ging, Menschenrechte einzuklagen, Unrecht anzuprangern sowie Rassismus und Antisemitismus zu verurteilen. Unvergessen ist aber auch eine Begebenheit während seines letzten Besuches in Deutschland. Damals übersprang er einfach alle Redepassagen, in denen Pius XII. vorkam.

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