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Die Riten des Wahlabends : Ganz Amerika wartete auf Mitt Romney

08.11.2012 00:00 Uhrvon
Freudentaumel.Bild vergrößern
Freudentaumel. - Foto: Reuters

Am Nachmittag hat er noch Basketball gespielt. Danach aber blieb auch Barack Obama nichts anderes übrig, als zu warten – auf seinen Herausforderer Mitt Romney. Wie die beiden Kontrahenten die Wahlnacht verbrachten.

Es ist um Mitternacht in Amerika. Da scheinen die Machtverhältnisse zwischen den beiden Hauptpersonen plötzlich auf dem Kopf zu stehen. So als richte sich auch das reale Leben mitunter nach den verrückten Regeln einer märchenhaften Geisterstunde.

Da ist ist also der mächtigste Mann der Welt. Ungefähr 40 Minuten vor Mitternacht verkünden die Fernsehstationen, dass er es weitere vier Jahre bleiben wird. In Ohio, dem entscheidenden Swing State, liegt Barack Obama nach ihren Berechnungen nun uneinholbar in Führung.

Und Ohios 18 Wahlmännerstimmen heben ihn über die magische Zahl 270, die man in den USA braucht, um Präsident zu werden. Dennoch wirkt der Sieger merkwürdig machtlos. Er sitzt mit seiner Familie und wenigen engen Freunden in einer Suite im Fairmont Hotel in Chicago.

Er könnte jetzt losmarschieren und sich den wartenden Anhängern zeigen. Er könnte ihnen die Erleichterung schenken, auf die viele von ihnen über Monate hingearbeitet haben. Er könnte aufstehen und den Erfolg bestätigen, aber er tut es nicht. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als geduldig zu warten. Darauf zu warten, was der Andere machen wird: sein Herausforderer Mitt Romney.

Es ist nur ein Katzensprung von Obamas Hotel zum McCormick Place, dem riesigen Kongresszentrum, wo sich tausende Anhänger versammelt haben. Sie umarmen sich, sie machen Luftsprünge, als sich die Nachricht von den 18 Wahlmännerstimmen verbreitet. Und nun möchten sie Obama möglichst bald auf der Bühne sehen, die mit amerikanischen Fahnen geschmückt ist. Sie wollen ihn bejubeln. Sie wollen eine Siegesrede hören, die dem hässlichen Wahlkampf eine versöhnliche und erhebende Note verleihen soll. Bisher haben es Obama und seine Redenschreiber noch immer geschafft, solchen Momenten mit rhetorischen Kniffen die Aura einer historischen Wende zu verleihen. Doch da ist kein Obama.

Der andere, Mitt Romney, verbringt den Abend ebenfalls in einer Hotelsuite im Kreis seiner Familie: mit Ehefrau Ann, den fünf Söhnen, ihren Ehefrauen und der Mehrzahl der 18 Enkelkinder. Sie haben 1700 Kilometer weiter östlich, in Boston, verfolgt, wie die Wahlergebnisse einlaufen.

Von Verlierern heißt es gemeinhin, dass sie an Einfluss einbüßen. Doch in diesem Moment entscheidet Romney, wie es in Amerika weiter geht. Alles hängt von ihm ab. Er müsste jetzt langsam mal zum Telefonhörer greifen, Obama gratulieren und seine Niederlage eingestehen. So sehen es die traditionellen Rituale amerikanischer Wahlabende vor. Danach hat der Unterlegene den Vortritt beim Gang vor die Fernsehkameras. Der Verlierer darf zuerst reden, zu seinen Anhängern und zur Nation, so lange man von ihm überhaupt noch etwas wissen will. Das ist mehr als eine Geste. Sein Auftritt gibt dem Ergebnis etwas Unabweisbares, es bereitet in einer Demokratie den Boden.

Mitt Romney lässt sich jedoch Zeit. Sehr viel Zeit. Mehr als eine Stunde lässt er das Land warten. Und die Kommentatoren beginnen sich zu fragen, was hier gespielt wird. Haben sie etwas übersehen? Meint Romney allen Ernstes noch einen Pfad durch das Auszählungswesen zu kennen, auf dem ins Weiße Haus gelangen könnte?

Am Morgen hatten Romneys Sprecher verkündet, er habe keine Verlierer-Rede vorbereitet, rechne fest mit dem Sieg.

Man durfte das als leere Rhetorik verbuchen. Sagt man derlei nicht, um die eigenen Anhänger an den Erfolg glauben zu lassen? Nichts weiter als ein psychologischer Trick also. Ebenso wie Romneys überraschende Entscheidung, am Morgen des Wahltages noch rasch zwei Staaten zu besuchen: Ohio und Pennsylvania.

In Ohio sahen alle das entscheidende Schlachtfeld. Aber Pennsylvania? In den Umfragen führte Obama dort klar. Romney brauchte aber eine Antwort auf die Frage, wie er Präsident werden könne, falls er in Ohio verliere. Seine Wahlkampfmanager hatten darauf geantwortet, nach ihren Erkenntnissen sei das Rennen in Pennsylvania ganz knapp. Wenn die religiöse Rechte, die dort stark vertreten ist, in hoher Zahl Romney wähle, könne er den Staat gewinnen und so einen Verlust in Ohio ausgleichen.

Nun gut, man werde sehen, wie der Tag in Pennsylvania verlaufe, kommentierten die Experten. Aber dass Romney keinen Redetext für den Fall einer Niederlage entworfen haben wollte, klang dann doch zu abwegig.

Romney gilt als Streber-Typ. Der werde sich auf jede erdenkliche Lage einstellen – auch auf die Möglichkeit einer Niederlage. Die Chancen standen schließlich 50 zu 50. Wartete das Land also tatsächlich auf einen Mann, der erst noch seine Rede schreiben musste? Die Rede, mit der er vielleicht für immer von der politischen Bühne abtreten würde?

Der frühere Gouverneur hatte sich den Amerikanern als der bessere Krisenmanager empfehlen wollen. Seine eigene Krise kündigte sich im Laufe des Abends deutlich an: Obama gewinnt diese Wahl nicht knapp, wie es die Umfragen in den Vortagen vermuten ließen. Ihm gelingt ein ziemlich eindrucksvoller Triumph, fast wie 2008.

Wie hat er das geschafft? Die meisten Bürger sind unzufrieden mit der Wirtschaftslage, klagen über die anhaltend hohe Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent, das laue Wachstum und die rapide steigende Staatsverschuldung. Da lag die Prognose nahe, dass es ganz eng werden würde und Obama eine Reihe jener 29 Staaten, in denen er vor vier Jahren die Mehrheit geholt hatte, an die Republikaner verlieren werde.

Um Mitternacht hatte er nur zwei dieser Staaten abgegeben: Indiana und North Carolina. Beide gelten als Republikanergebiet. Wenn es eine Überraschung gab, dann 2008, als Obama sie gewann. Sie nun an die Konservativen zurück fallen zu sehen, ist nur normal. Viel wichtiger würden acht Swing States sein. Florida, New Hampshire und Virginia ganz im Osten an der Atlantikküste. Ohio und Wisconsin an den Großen Seen. Iowa als Farmstaat im Mittleren Westen. Und, mit zwei Stunden Zeitdifferenz, die Mountain States Colorado und Nevada.

Auch die Obamas hatten sich auf eine lange Nacht eingestellt. Und deshalb den Tag genutzt, um sich zu entspannen und zu wappnen. Zum ersten Mal seit langem waren sie wieder in ihrem eigentlichen Zuhause in Chicago, wo sie vor dem Einzug ins Weiße Haus gewohnt hatten: eine Villa im Stadtteil Hyde Park, nahe dem Universitätsviertel. Obama hatte sie im Sommer 2005 gekauft für 1,6 Millionen Dollar. Das war ziemlich genau der Vorschuss, den ihm sein Buchverlag damals für die Neuauflage seines ersten Buches „Dreams from My Father“ und sein neues Werk „The Audacity of Hope“ zahlte.

Die beiden Töchter Malia und Sasha waren erst am Nachmittag aus Washington eingeflogen, in Begleitung von Großmutter Marian. Vormittags hatten sie noch Schule. Als der Präsident noch sechs Fernsehinterviews für regionale Sender in den Swing States gab, um letzte Wähler zu mobilisieren. Am Nachmittag beruhigte er seine Nerven, indem er mit alten Bekannten in einer abgesperrten Turnhalle Basketball spielte: Freunde wie Marty Nesbitt und sein persönlicher Assistent Reggie Love, politische Vertraute wie Bildungsminister Arne Duncan, berühmte Sportstars wie Randy Brown von den Chicago Bulls. Ein Mitspieler, der Regionalpolitiker Alexi Giannoulias, ließ verlauten, Obamas Team habe mit 20 Punkten Vorsprung gewonnen.

Nach außen interpretierten seine Sprecher diesen Zeitvertreib als Beleg für die Gelassenheit und Siegeszuversicht. Auch vor früheren Wahlsiegen habe er mit diesen Freunden am Wahltag Basketball gespielt, 2004 bei der Bewerbung um den Senatssitz und 2008 im ersten Präsidentschaftsrennen. Ein gutes Omen.

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