Politik : Die Rückkehr der Sittenwächter

Irans Konservative nutzen ihre neue Macht: Sie wollen im Alltag wieder die strengen Moralvorschriften durchsetzen

Birgit Cerha

Zehn Millionen Rial (etwa tausend Euro) bezahlte der junge Iraner, um Roshanak, seiner 27-jährigen Frau, die dritte Nacht in Polizeigewahrsam zu ersparen. Doch nun droht ihr ein Prozess. Ihr Anwalt befürchtet, dass ihr die Hiebe mit einer geflochtenen Lederpeitsche auf den nackten Rücken nicht erspart bleiben dürften. Denn Roshanak hatte sich – so der Vorwurf – „sittenwidrig“ verhalten, als ihr beim Einparken ihres Autos das Tuch vom Kopf gerutscht war. Bärtige Milizionäre hatten sie sofort festgenommen.

Nicht die Konfrontation mit den USA, die Problematik der atomaren Aufrüstung oder das Chaos im Irak berherrschen derzeit die Diskussionen in der „Islamischen Republik“, sondern die sich häufenden Übergriffe der „Sittenwächter“ und die Frage, wie sich iranische Frauen im „Gottesstaat“ kleiden dürfen. Verlieren die Iraner nun nach dem politischen Scheitern des Reformkurses ihres einst so heiß geliebten Präsidenten Mohammed Chatami auch die sozialen Freiheiten, das Wichtigste, das ihnen vom siebenjährigen Reformexperiment noch geblieben ist?

Seit die Traditionalisten durch manipulierte Wahlen im Februar wieder das Parlament beherrschen und damit alle wichtigen Institutionen des Staates, ist der Machtkampf zwischen Reformern und Konservativen zunächst entschieden. Die Reformbewegung ist zersplittert und zermürbt, führende Köpfe sitzen im Gefängnis. Khatami ist machtlos, isoliert und diskreditiert. Das Volk hat sich von seinem einstigen Idol abgewandt, bitter enttäuscht über dessen Unfähigkeit, die versprochenen Liberalisierungen auch durchzusetzen. Nun können Irans Konservative wieder uneingeschränkt nicht nur das politische Geschehen, sondern auch das Leben und die Lebensregeln der Menschen bestimmen. Sie sind entschlossen, „die soziale Korruption“, die sich ihrer Ansicht nach in der Reformära ausgebreitet hatte, nicht länger zu dulden, das Volk wieder unter die Knute der Moralaposteln zu zwingen und damit ihre Macht zu sichern.

Unzählige Frauen, die allzu farbenprächtige Kopftücher tragen oder Haarsträhnen nicht verdecken, die ihre Nägel rot lackieren oder die Lippen bemalen, aber auch Liebespärchen, die Hand in Hand durch den Teheraner Melat-Park schlendern, werden auf Polizeireviere gezerrt. Manche können sich freikaufen, andere müssen versprechen, zu Kursen über islamische Lebensregeln wiederzukommen, andere warten auf ihren Prozess. In den Nobelgeschäften Nord-Teherans beschlagnahmte die Sittenpolizei modische Frauenkleider, insbesondere zu eng geschnittene Manteaus, wie die Iraner die Mäntel nennen, mit denen sich die Frauen umhüllen müssen. In Isfahan verbot die Polizei Frauen gar den Zugang zu öffentlichen Plätzen, weil sie nicht strikt nach islamischen Vorschriften gekleidet waren. Bei öffentlichen Empfängen wird, wie in den ersten Revolutionsjahren, Live-Musik untersagt. Immer häufiger stürmen Sittenwächter Wohnungen, wenn sie Jugendliche verdächtigen, sich mit Tanz und Alkohol auf Partys zu vergnügen.

Diese Kampagne der „Sittenpolizei“ wird von heftigen Grundsatzdebatten in konservativen Führungskreisen begleitet. Lokale Medien berichten von der Absicht des Innenministeriums, neue Richtlinien für den „Hejab“ (die islamische Bekleidung) zu erlassen, die klären sollen, was Frauen künftig anziehen dürfen und was nicht. Für viele Iranerinnen bedeutet die Diskussion über die Länge ihrer Mäntel eine ernsthafte Gefahr für die kleinen Freiheiten, die sie in den vergangenen Jahren errungen hatten.

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